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Nußlberg (882 m) von Kiefersfelden

Rundwanderung über Gfaller Stausee und Höhenweg

Der zwischen Kiefersfelden und Oberaudorf gelegene Nußlberg ist das passende Ziel für eine leichte Halbtages­wanderung. Er eignet sich besonders gut für den Frühling oder den Herbst. Kenner schätzen den liebens­würdigen Gipfel wegen der schönen Aussicht über das Inntal. Die Almhütte oben bietet keine Bewirtung, was den Vorteil hat, dass dadurch eigentlich nie viele Wanderer unterwegs sind.
Stand:

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Nußlbergkapelle
Die neugotische Nußlbergkapelle entstand zwischen 1872 und 1875.

Fast überall, wo es im bayerischen Inntal ein idyllisches Fleckchen gibt, steht eine Wallfahrts­kirche oder wenigstens eine Wallfahrts­kapelle. So auch auf dem Nußlberg, dem Hausbeg von Kiefersfelden.Die Wallfahrt auf den Nußlberg entwickelte sich auf Grund mehrerer Legenden.1516 sollen Kinder aus der Mühlau eine Schaf­herde auf der Gipfel­lichtung vor einem Marienbild kniend vorgefunden haben, so als würden die Tiere beten. Aus dem darauf­folgenden Jahrhundert wird außerdem von einer Marien­erscheinung berichtet, die den Anlass zum Bau einer hölzernen Kapelle gab. Bei den Arbeiten geschah gleich noch eine Wunderheilung. Was auf einem heiligen Berg nicht so alles passiert, wenn man nur fest daran glaubt!
Jedenfalls boten diese Ereignisse mehr als genug Stoff für die Entstehung einer lebhaften regionalen Wallfahrt und das trotz mehrfacher Verbote durch die kirchliche Obrigkeit. Die Amtskirche strebte stets die Kontrolle über die Religions­ausübung an und stand einer allzu phantasie­vollen, sich frei entfaltenden Volks­frömmigkeit skeptisch gegenüber. Heute kann man sich nur mehr schwer vorstellen, wie wichtig diese nahe gelegenen Trostorte für die überwiegend ortsgebundene Bevölkerung waren. Sicherlich genossen die Menschen aber auch damals schon einfach die herrliche Aussicht.

Anfang des 18. Jahrhunderts ließ sich der erste Einsiedler am Nußlberg nieder. Er errichtete eine steinerne Klause und legten den Ziehbrunnen an, den es noch immer gibt. Die Eremiten erteilten den Kindern der Umgebung Unterricht. Eremiten­schulen waren damals ein wichtiger Baustein für die Bildung der armen ländlichen Schichten.
Bis zur Säkularisation lebten im Unterinntal zahlreiche Einsiedler, auf dem Nußlberg manchmal sogar mehrere gleichzeitig. Zwischen den Klausen existierte ein reger Austausch. So weiß man, dass ein gewisser Onofrius vom Nußlberg nach Oberaudorf Unter die Wand wechselte, wo heute das Höhlenhaus beim Weber an der Wand steht. Weitere Einsiedeleien gab es am Thierberg in Tirol, bei Brannenburg an der Biber, auf der Schwarzlack am Sulzberg sowie im Kirchwald bei Nußdorf.Mit der Säkularisation fand das Eremitentum ein jähes Ende, ging jedoch nicht völlig unter.Die Klause auf dem Nußlberg überdauerte immerhin bis Anfang des 19. Jahrhunderts. Kirchwald und Thierberg sind aktuell noch bzw. wieder besetzt.
Den im Zuge der Säkularisation gerichtlich angeordneten Abriss der Kapelle auf dem Nußlberg konnte die Bevölkerung verhindern. Schließlich kam es doch noch zu einer glücklichen Wendung. 1849 erhielt die Kapelle endlich den kirchlichen Segen. Zwischen 1872 und 1875 entstand die gemauerte Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes in neugotischem Stil, gestiftet von einem wohlhabenden Bauern der Umgebung.

Museumstipp: Das Heimatmuseum Kiefersfelden befindet sich im Blaahaus im Südosten des Orts nahe dem Inn. Äußerlich sieht das Gebäude wie ein altes Bauernhaus aus. Es wurde aber niemals landwirt­schaftlich genutzt, sondern war ein Wohnhaus für die Arbeiter der ehemaligen Eisenwerke. Kiefersfelden war nämlich ein früh­industrieller Standort mit Eisen- und Hammerwerken, Zement­herstellung und Köhlerei. Neben der Industrie­geschichte erfährt man im Museum auch etwas über die prähistorische Vergangenheit, den Grenzverkehr und den Tourismus.

Tourcharakter und Schwierigkeit

480 m 11 km3:00 h

Anspruch ■■■■■■ T2
Kondition ■■■■■■
Orientierung ■■■■■■
Der Aufstieg zum Nußlberg erfolgt auf dem breiten, einfachen Wallfahrtsweg. Der alternative Rückweg über den Stausee bei Gfall und den ostseitigen Höhenweg erfolgt auf teils schmalen Steigen, so dass man schon eine gewisse Trittsicherheit benötigt. Exponierte Stellen kommen keine vor. Streckenlänge und Höhenmeter sind sehr moderat.

Wegbeschreibung

Am Kieferbach zum Wasserfall

Kieferbach
Zu Beginn geht es gemütlich am Kieferbach entlang.

Vom Bahnhof Kiefersfelden geht es am Schwimmbad vorbei zur Kufsteiner Straße vor. Auf dieser gelangt man in wenigen Minuten zum Kieferbach1. Neben der Kufsteiner Straße steht die Kapelle St. Sebastian. Sie wurde aus Dankbarkeit errichtet, nachdem die Pest­epedemie von 1611 den Ort verschont hatte.
Beim Kieferbach besser nicht über die Brücke, sondern vorher beim Elektrizitäts­werk links wenden. Der Weg auf der Südseite im Waldschatten ist nämlich der schönere. Nach den letzten Häusern versteckt sich hinter den Bäumen ein alter Steinbruch. Solche kleinen aufgelassenen Steinbrüche für den lokalen Bedarf kann man bei vielen Dörfern in den Alpen entdecken.

Zwei Kilometer wandern wir nun am Kieferbach entlang, bis das Plätschern eines Wasserfalls2 zu hören ist, der vom Hechtsee über mehrer Kaskaden herabstürzt. Schade, dass der Wasserfall ziemlich vom Gebüsch verdeckt wird. Nicht wundern, dass das Wasser seltsam riecht. Das liegt an der dicken Faulschlamm­schicht am Grund des Hechtsees. Um zu verhindern, dass der Badesee irgendwann umkippt, wird mit einem Rohr das faulige Tiefenwasser zum Seeabfluss geleitet.

Neben dem Kieferbach verläuft das schmalspurige Gleis der historischen Wachtlbahn. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde auf dieser Strecke der Kalkstein und Mergel aus den Stein­brüchen bei Wachtl in Tirol zur Zement­herstellung nach Kiefersfelden befördert. Anfangs zogen noch Pferde die Wagen, ab 1923 dann eine Lokomotive. Seit 2003 gehört die Anlage der Rohrdorfer Zement. Der Kalkabbau bei Wachtl ruht schon seit Längerem, denn der riesige Steinbruch Überfilzen am Heuberg liefert das bessere Material. Die eindrucksvolle Verlade­station bei Wachtl rostet wie ein Lost Place vor sich hin.
Manche erinnern sich vielleicht noch daran, dass einige Jahre mit der Wachtlbahn touristische Ausflugs­fahrten stattfanden. Das Highlight waren dabei die nostalgischen alten Personen­wagen der Wendelstein­bahn von 1912, also aus der allerersten Baureihe. Derzeit steht die Wachtlbahn auf unbestimmte Zeit still.

Beim Kurzenwirt

Rotschwänzchen
Das Rotschwänzchen ist ein selten gewordener Vogel. Am Nußlberg kann man es noch beobachten.

Beim Wasserfall trennen sich die Wege. Links führt ein Steig bergauf Richtung Hechtsee und Burgruine Thierberg. Weiter bachaufwärts käme man zum großen Wasserrad an der Bleiersag und von da zur sehenswerten Vorderen Gießenbachklamm mit der Schopperalm. Das sind beides lohnende Wanderungen, doch wir wollen ja auf den Nußlberg und wenden uns daher wie beschildert nach Norden zum Kurzenwirt3, der nur ein paar Minuten entfernt liegt.
Hinter dem Kurzenwirt geht es durch einen kleinen Waldstreifen einen Hang hinauf. Auf dem Weg liegt die modern gestaltete, nicht sonderlich sehenswerte Andreaskapelle. Sie ist die Hofkapelle des Kurzenwirts. Viele Höfe der Umgebung besitzen ihre eigene Kapelle.

Südanstieg auf den Nußlberg

Wallfahrtsweg zum Nußlberg
Moderat ansteigend führt der Wallfahrtsweg zum Nußlberg hinauf.

Als Nächstes kommt der schmucke Baumgartenhof. Rechts neben dem Bauernhaus beginnt der Wallfahrts­weg zum Nußlberg. Hölzerne Kreuzweg­stationen mit schön gemalten Tafeln aus dem 19. Jahrhundert begleitet den Aufstieg. Im Süden ist noch kurz der Thierberg zu sehen, bevor man in den Wald eintaucht. Später verläuft der Weg wieder im Freien über sonniges Almland mit vielen Blumen und einigen Rastbänken. Entspannt gelangen wir so auf die weitläufige Kuppe des Nußlbergs4. Manchmal grasen Kühe oben. Leider ist die Kapelle fast immer geschlossen. Bänke laden zum Verweilen ein. Der Blick ins Kaisergebirge lässt alle Anstrengung vergessen.

Abstieg zum Gfaller Stausee

Gfaller Stausee
Der Gfaller Stausee entstand 1924 durch den Bau einer Staumauer für den Betrieb eines kleinen Kraftwerks.

Der Steig zwischen dem Gipfel und der Gfaller Mühle wurde zur Einweihung der steinernen Kapelle angelegt. Er verschwindet auf der Nordseite der Gipfel­lichtung im Wald und führt bald im Zickzack steil hinab zum Gfaller Stausee5. Erneut trifft man dabei auf gemalte religiöse Bildtafeln, diesmal zu den so genannten Geheimnissen des Rosenkranzes. Es ist eben schon ein sehr frommer Berg.
Ursprünglich war der Nordhang des Nußlbergs dicht bewaldet und sehr schattig. Im Winter 2018 verursachte das Orkantief Friederike einen großflächigen Windbruch, so dass sogar der Steig erneuert werden musste. Seitdem gibt es beim Abstieg einen netten Tiefblick zum Stausee. Auf der gegenüber­liegenden Talseite sind die Chiemgauer Alpen mit dem Kranzhorn und dem Spitzstein zu sehen.Alternativ hätte man auch die Möglichkeit, vom Gipfel den Weg Richtung Westen runter in die Mühlau zu nehmen. Anschließend entweder direkt zurück zum Kurzenwirt oder im Norden um den Nußlberg herum zum Gfaller Stausee. Am Nordfuß des Nußlbergs gibt es eine geologische Besonderheit. Neben dem Wanderweg entspringen überall kleine Quellen. Durch Sinter­bildung entsteht an den Quell­austritten Kalktuff. Man sieht gut, wie der Kalk das Moos überzieht. Derart natur­belassene Quellen mit großflächigen Versinterungen sind selten. Bitte nicht betreten.

Die Nutzung der Wasserkraft bei Gfall hat eine lange Tradition. Bereits im 16. Jahrhundert taucht der Bach in der Landkarte von Philipp Apian als Mühlbach auf. Der Name Gfall wiederum erklärt sich dadurch, dass der Mühlbach unterhalb der Gfallermühle eine Felsstufe hinabstürzt. Die ehemalige Gfallermühle war ein Sägewerk, zeitweise auch ein beliebtes Gasthaus. Das gepflegte Gebäude steht direkt über einer kleinen Schlucht. Vom Garten hatte man eine gute Aussicht. Inzwischen ist alles völlig zugewachsen und die Leute laufen achtlos daran vorbei.
Um den steigenden Stromverbrauch Oberaudorfs zu decken, baute man in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg die Strom­erzeugung am Reschmühlbach aus. Oberhalb der Gfallermühle entstand eine Staumauer. Anfangs konnten mit dem Strom Reisach und Niederaudorf mitversorgt werden. Das Kraftwerk wurde immer wieder modernisiert. Bis heute deckt die Turbine etwa 15 % des Strombedarfs der Gemeinde. Als Nebeneffekt entstand ein fischreicher Stausee, an dem man oft Angler beobachten kann.

Höhenweg nach Kiefersfelden

Höhenweg am Nußlberg
Vom Gfaller Stausee quert der schattige Höhenweg durch die Ostseite des Nußlbergs.

Der Höhenweg zurück nach Kiefersfelden startet genau dort, wo der Steig vom Nußlberg am Gfaller Stausee endet.Wer mit dem Zug fährt, könnte stattdessen auch zum Bahnhof Oberaudorf wandern, was letztlich reizvoller ist. Man kommt dabei unter anderem an der Höhlenburg im Grafenloch, dem Luegsteinsee mit Bade­möglichkeit und der Ruine Auerburg vorbei.Auf dem Höhenweg6 folgt zu Beginn ein Gegenanstieg von knapp hundert Höhenmetern. Es gibt ein paar nette Aussichtspunkte, geht ansonsten aber überwiegend durch den Wald. Abschüssige Stellen sind mit Geländern abgesichert. Später schwenkt der Höhenweg rechts zurück zum Wallfahrtsweg, doch wir halten uns geradeaus nach Kiefersfelden.
Bei den ersten Häusern muss man links und gelangt gleich danach auf einem Feldweg rechts zum Ortsteil Kohlstatt7. Von da über die Kohlstatt­straße und die Thierseestraße zurück zum Ausgangspunkt.

Auf der Kohlstatt qualmten jahrhunderte­lang die Kohlenmeiler zur Herstellung von Holzkohle. Das Holz kam per Trift über den Kieferbach aus Tirol, denn die eigenen Wälder waren bald ausgebeutet. Die produzierte Holzkohle nutzte man vor Ort im Eisenschmelzwerk und für die Zementherstellung, verschiffte sie aber auch über den Inn.