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Biber-Rundweg Brannenburg

Gemütlicher Dorfspaziergang

Im Brannenburger Ortsteil Degerndorf erhebt sich aus dem Talgrund eine frei­stehende, felsige Anhöhe, die Biber genannt wird. Wegen ihres wertvollen Gesteins dient sie der Bevölkerung seit Jahr­hunderten als Steinbruch, früher vor allem für Mühlsteine, heute für dekorative Natur­steine. Über den noch übrig gebliebenen Teil der Biber führt ein reizvoller Wanderweg mit schönen Aussichts­punkten, vorbei an einer kleinen Wallfahrts­kirche und alten Einsiedler­höhlen.
Stand:

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Wallfahrtskirche St. Maria Magdalena
Oben auf der Biber steht die Wallfahrtskirche St. Maria Magdalena mit Kreuzweg und Freikanzel.

Geotop, Kulturdenkmal, Steinbruch, Kletter­garten, Eremitage, Kunstmotiv und Wall­fahrts­ort – der Biberberg in Brannenburg hat viele Gesichter. Geologisch besteht der 40 Meter hohe Härtling aus Nagelfluh, einem Konglomerat­gestein aus miteinander verbackenen Fluss­kieseln. Der Biberstein, wie er im Volks­mund auch heißt, enthält besonders viele farben­frohe kristalline Gesteine aus den Zentral­alpen. Der Inn schwemmte die Kiesel­steine lange vor der Würm-Kaltzeit an. Mit der Zeit verfestigte sich das Locker­gestein zur Nagel­fluh. Dem Inn-Gletscher der Würm-Kaltzeit wider­stand die Biber und wurde lediglich rund abgehobelt.

Mindestens seit dem frühen Mittelalter gewannen die Menschen an der Biber Mühlsteine.Im Gegensatz zu den Mühlsteinen aus den Sandstein­brüchen bei Neubeuern hatten diejenigen aus Nagelfluh gewisse Vorteile. Sie waren lang­lebiger und es geriet kein Sand ins Mehl. Sandhaltiges Mehl war früher ein großes Problem. Es verursachte oft schon in jungen Jahren erhebliche Zahn­schäden durch Abnutzung.

Beim Gesteins­abbau blieben wohl eher zufällig ein paar kleine Hohlräume zurück, die ab der Barockzeit 200 Jahre lang von Einsiedlern bewohnt wurden.Damals erlebte das Eremitentum im Inntal einen regel­rechten Boom, ausgelöst durch die vielen Rompilger die hindurchzogen. Inspiriert von der Pilgerschaft und den italienischen Einsiedlern tat es ihnen manch einer nach. Da kamen die Höhlen im Stein­bruch an der Biber gerade recht.
Laut Inschrift ließ sich 1626 der erste Einsiedler Johannes Schelle nieder. Die Biberklause ist damit die älteste des bayerischen Inntals. Es folgten weitere in Kirchwald bei Nußdorf, außerdem auf der Schwarzlack am Sulzberg nördlich von Brannenburg und Unter der Wand bei Oberaudorf, dem heutigen Höhlenhaus beim Weber an der Wand. Die letzte Klause entstand 1718 auf dem Nußlberg bei Kiefers­felden. Zwischen den Einsiedeleien gab es lose Kontakte und vereinzelt wechselten die Waldbrüder auch von der einen in die andere.

Nach diesem geschichtlichen Abriss stellt sich zuletzt noch die Frage, was der seltsam anmutende Name Biber bedeutet. Mit dem Tier jedenfalls hat er nichts zu tun. Vermutlich liegt Biburg zu Grunde, eigentlich ein eingefriedeter, geborgener Ort oder eine Wallburg. Im übertragenen Sinne wurden damit aber auch wehrhaft wirkende Berge benannt. Von einer tatsächlichen Befestigung auf der Biber ist nichts bekannt.

Tourcharakter und Schwierigkeit

5 km1:20 h

Anspruch ■■■■■ T1
Kondition ■■■■■
Orientierung ■■■■■
Der Rundweg an der Biber ist eine gemütliche kleine Wanderung, kaum mehr als ein ausgiebiger Spaziergang oder eine schnelle Feierabend­runde. Die reine Gehzeit beträgt lediglich eine gute Stunde, selbst wenn man am Bahnhof startet. Wegen der Besichtigungen und der Infotafeln sollte man aber schon deutlich mehr Zeit einplanen. Denn es gibt wirklich viel zu sehen.

Wegbeschreibung

Am Kirchbach zur Christkönigkirche

Pfarrkirche Christkönig
Die Degerndorfer Pfarrkirche Christkönig wurde Mitte des 20. Jahrhunderts aus Bibernagelfluh erbaut.

Wir verlassen den Brannenburger Bahnhof südwärts zur Wendelstein­straße und spazieren erst einmal am Kirch­bach entlang. Drüberhalb der Rosenheimer Straße plätschert rechts vom Kirchbach ein Brunnen. Er besteht aus Nagel­fluh von der Biber, wie so vieles in der Gegend. Man muss nun auf die andere Bachseite wechseln, wo ein Denkmal daran erinnert, dass von 1912 bis 1961 die Zahnrad­bahn auf den Wendelstein direkt am Brannen­burger Bahnhof abfuhr. Mit dem zunehmenden Auto­verkehr der 1950er Jahre wurde die Kreuzung der Rosenheimer Straße zum Problem und so baute man die Strecke bis zur heutigen Talstation zurück.

Nach weiteren 200 Metern am Kirchbach geht es links in eine Parkanlage. Gleich bei der ersten Gabelung erneut links wenden, wo die Degern­dorfer Christkönigkirche1 steht. Für einen modernen Bau der Nach­kriegs­zeit sieht sie insbesondere von außen recht ansprechend aus. Das Mauerwerk besteht komplett aus Biberstein.

Auf die Biber

Wendelsteingebiet
Aussicht von der Biber zum Wendelstein und der Hochsalwand. Rechts unten ist die Bergkirche St. Margarethen zu sehen.

Bei der Christkönigkirche läuft man am besten durch die Kirchen­straße und dann rechts. Nach wenigen Metern ragt linker Hand die Biber auf. Zu ihren Füßen plätschert der Dorfbach. Er wurde für den Betrieb einiger inzwischen nicht mehr vorhandener Mühlen künstlich vom Grießen­bach abgezweigt. Der Dorfbach umfließt die Biber und mündet danach wieder in den Grießenbach.
Beim Steg über den Dorfbach beginnt der beschilderte Aufstieg zur Biber. Durch Auswitterung entstand dort ein kleiner Fels­bogen. Vermutlich entnahm man in diesem Bereich die Steine für den Bau der stilvollen alten Bauern­häuser in Degerndorf. Nach einem kurzen Steil­stück bietet sich sogleich ein großartiger Blick über das Inntal bis zum Schloss Neubeuern.

Im Folgenden führt der Weg dicht an der Westkante entlang mit ein paar netten Aussichts­punkten ins Wendelstein­gebiet. Schön zu sehen ist die Hochsalwand vis-a-vis neben dem felsigen Zacken des Lechnerkopfs. Der Wendelstein selbst hält sich dezent im Hinter­grund. Die malerische Bergkirche mit dem großen Turm am Hang gegenüber ist St. Margarethen. Sie wäre ebenfalls ein lohnendes Ziel für eine kleine Wanderung.

Wallfahrtskirche St. Maria Magdalena

Grabesgrotte
In der Mitte des ummauerten Areals an der Wallfahrtskirche St. Maria Magdalena befindet sich im Hang eingelassen das Heilige Grab.
Am Südende der Biber betritt man durch ein Tor das ummauerte Areal der barocken Wallfahrts­kirche St. Maria Magdalena2. Ein stiller, friedlicher Ort, an dem man sich sofort wohl fühlt.
In die Mauer sind kleine Kapellen integriert. Sie beherbergen zwölf der vierzehn Kreuz­weg­stationen. Das Heilige Grab befindet sich in einer Art Gruft in der Mitte. Die zwölfte Station mit der Kreuzigungs­szene ist die Magdalenen­kirche selbst. Alle Dächer sind noch ganz traditionell mit Holz­schindeln gedeckt.
Die Hauptkapelle, die Sakristei und die Frei­kanzel stammen aus der ersten Hälfte des 17. Jahr­hunderts. Vermutlich ließ sie der erste Eremit Johannes Schelle erbauen. Die Seiten­kapelle geht auf eine spätere Erweiterung zurück. Im 19. Jahr­hundert fand entsprechend der damaligen Mode eine neugotische Umgestaltung statt.

Biberklause mit Einsiedelerhöhlen

Eremitage in der Biber
Die künstlichen Höhlen in der Biber entstanden vermutlich im Zuge der Steinbruch­arbeiten und wurden im 17. Jahrhundert von Einsiedlern zu einer Wohnstätte erweitert.

Von der Wallfahrtskirche leitet eine Treppe zur Biber­klause hinab. Sie besteht aus drei künstlich in den Fels geschlagenen Räumen, einem Wohnraum, einer heute trockenen Brunnenstube und der Ölberggrotte in der ehemaligen Kapelle. Vermutlich existierten die Höhlen bereits vor den Einsiedlern, wurden von jenen aber wohl passend vergrößert. Natürlich verfügte die Biber­klause auch über eine eigene Quelle. Sie versiegte wahr­scheinlich deshalb, weil sich die Steinbrüche immer weiter ins Zentrum des Hügels vorarbeiteten. Vor den Höhlen gab es anfangs eine Holzhütte, später ein gemauertes Gebäude mit einer Schulstube. Um die 40 Kinder kamen regelmäßig zum Unterricht. Eremiten­schulen leisteten einen wichtigen Beitrag zur Bildung der armen länd­lichen Bevölkerung. Die Obrigkeit duldete sie zunächst, förderte sie sogar teilweise aus Kosten­gründen, untersagte sie aber schließlich zu Gunsten der regulären Schulen.
Für die Treppe zur Wallfahrts­kirche verwendete man angeblich die Steine des abgerissenen Außengebäudes der Eremitage. Sie brannte 1814 nieder, nachdem der letzte Einsiedler ein Jahr zuvor gestorben war.

Am Festplatz

Treppenaufgang vom Festplatz über die Einsiedlerhöhlen zur Wallfahrtskirche.

Ein Stück unterhalb der Biberklause steht eine Stele aus Nagelfluh. Sie gehört zum so genannten Kultur­streifzug durch Brannenburg. Das Bild auf der Stele weist darauf hin, dass die romantische Szenerie am Treppen­aufgang zur Magdalenen­kirche Landschafts­maler wie Friedrich Würthle oder Johann Paul Mohr inspirierte. Früher, als noch nicht alles so zugewachsen war, muss es noch viel schöner gewesen sein.
Wir wenden uns nun zum Festplatz auf der Biberhöhe, wo einige Holzbuden stehen. Das Gelände ist ein ehemaliger Steinbruch. Der kleine Kletter­garten dort verfügt nur über wenige Routen und wird vor allem von Einheimischen genutzt.

Steinbrüche und Wolfsgrube

Mühlsteinbrüche an der Biber
Eine Schautafel informiert über die Mühlstein­brüche an der Biber und erklärt, wie der Abbau vonstattenging.

Ein breiter Weg leitet vom Festplatz ostwärts an den noch aktiven Steinbrüchen vorbei, die nicht betreten werden dürfen. Fast die Hälfte der Biber ist für immer verloren. Die behördlichen Genehmigungen für das Nagelfluh­werk sichern den Familien­betrieb für die nächsten Generationen. Keine gute Nachricht für die Biber! Wahrscheinlich wird gegraben, bis nichts mehr übrig bleibt außer ein mit Wasser gefülltes Loch. Zu allem Überfluss frisst sich gleich nebenan eine Kiesgrube durch eine prähistorische Siedlung. Insgesamt ein sehr fragwürdiger Umgang mit unseren Natur- und Kultur­schätzen.
Zur Geschichte der ehemaligen Mühlstein­brüche gibt es am Wegrand eine Schautafel. Einige dekorative Präsentations­objekte zeigen, was aus der Biber­nagelfluh so alles hergestellt wird. Unten bei der Klinik rechts halten und vor dem Grießen­bach erneut rechts.Auf der anderen Bachseite gibt es links nach 200 Metern neben dem Wolfs­gruben­weg eine große Delle in der Wiese. Bei dieser so genannten Wolfsgrube3 handelt es sich um ein Toteisloch. Das zwar unauf­fällige, aber dennoch interessante Natur­denkmal wäre einen kurzen Abstecher wert. Oder man wandert dann gleich noch weiter nach Flints­bach zur Burgruine Unter-Falkenstein und von da zum Fischbacher Gletscherschliff, dem bedeutendsten Geotop der Gegend.

Rückweg zu Füßen der Biber

Nagelfluhblock mit Abbauspuren
Die Abbauspuren an diesem Nagelfluh­block unterhalb der Biber entstanden durch die Gewinnung von Mühlsteinen.
Im letzten Abschnitt verläuft der Rundweg nun unten um die Süd- und Westseite der Biber herum zum Ausgangspunkt zurück. Gleich zu Beginn blickt man links auf den Großen Riesenkopf bei Flintsbach. Obwohl dicht bewaldet, bietet der Gipfel doch eine gute Aussicht.
Bei der vierten Station des Brannenburger Kultur­streifzugs, den wir bereits von der Klause her kennen, geht es um Mühlsteine. Anhand der Mühl­stein­abrisse an dem Nagelfluh­block dort kann man sich die Technik ihrer Gewinnung gut vergegen­wärtigen. Zunächst wurde mit einer Spitzhacke eine kreisrunde, tiefe Rille in den Fels gegraben. Anschließend legte man von der Seite her Keil­taschen für Holzkeile an, die so lange mit Wasser über­gossen wurden, bis der Quelldruck des Holzes den Mühl­stein­rohling absprengte. In jüngerer Zeit kamen auch Metall­keile zum Einsatz, wobei der nötige Druck durch kräftiges Schlagen entstand.
Bei der nächsten Station des Kultur­streifzugs führt eine Treppe zur Biberklause hinauf. Wir wandern dagegen im Tal weiter Richtung Norden, wo wieder der Dorfbach und schließlich der Kirchbach erreicht werden.