Natur erleben im bayerischen und Tiroler Alpenraum • Wanderungen • Bergtouren • Ausflugstipps
  1. Artikel 
  2. Naturkunde 

Wie eine Klamm entsteht

Von hängenden Tälern und wandernden Wasserfällen

(1)

Wenn ein Fließgewässer eine Barriere aus hartem Festgestein überwinden muss, kann das zur Ausbildung einer Klamm führen. Voraussetzung dafür ist ein starkes Gefälle und ein zumindest zeitweise hoher Wasserdurchfluss. In den Alpen entstanden die Klammen überwiegend nacheis­zeitlich auf Grund der gewaltigen Erosionskräfte der Schmelz­wasser­massen. Aktualisiert am

Inhalt

  1. Talformen in den Alpen
  2. Gletscher als Wegbereiter
  3. Das richtige Gestein
  4. Rückschreitende Erosion
  5. Literatur

Talformen in den Alpen

Kerbtal, Trogtal, Schlucht und Klamm sind die häufigsten Talformen in den Alpen.

Mit einer Breite von teilweise nur wenigen Metern und senkrechten Wänden stellen Klammen die extremste aller Talformen dar. In Klammen findet praktisch ausschließlich Tiefenerosion statt. Die vom Wasser glatt geschliffenen Seitenwände werden von der Erosion verschont und bleiben dadurch über Jahrtausende nahezu unverändert erhalten.

Bei Schluchten sieht es ein bisschen anders aus. Zwar dominiert auch in Schluchten die Tiefenerosion, doch an den Seiten wird ebenfalls in gewissem Umfang Material abgetragen. Dadurch werden Schluchten nach oben hin zunehmend breiter. Außerdem sind ihre Steilwände kantig und zerklüftet, weil fortlaufend etwas abbröckelt. Vom Wasser glatt geschliffene Felsen wie in den Klammen existieren in den Schluchtwänden dagegen kaum.

Wenn Tiefen- und Seitenerosion sich in etwa die Waage halten, dann entwickelt sich ein v-förmiges Kerbtal. Bedingung dafür sind weiche, lockere Gesteine und ein Bach oder Fluss, der genügend Kraft hat, das Geröll abzutransportieren. Im Lauf der Zeit werden die Hänge von Kerbtälern immer flacher.

Viele Alpentäler waren ursprünglich Kerbtäler, wurden aber von den großen Gletschern der Kaltzeiten in u-förmige Trogtäler umgewandelt. Trogtäler, wie beispielsweise das Inntal, besitzen einen breiten, flachen Talgrund und oft sehr steile Seitenhänge. Solange der Gletscher ein Tal füllt, kann an den Seiten kein Material von oben nach unten nachrutschen. Zieht sich der Gletscher zurück, hinterlässt er oft instabile Talwände. Durch Felsstürze und Rutschungen können sich Trogtäler wieder in Kerbtäler zurückverwandeln.

Gletscher als Wegbereiter

Gletscher modellieren die Täler in einer Art und Weise, welche die Entstehung von Klammen begünstigte. Während der Würm-Kaltzeit tieften die mächtigen Gletscher der Haupttäler diese stärker ein als die kleineren Gletscher die Seitentäler. Dadurch hängen die Seitentäler häufig über den Haupttälern, statt fließend in diese überzugehen. Wer in den Bergen wandert, kennt das. Oft muss man einen steilen Anstieg überwinden, um vom Haupttal in den flachen Talgrund eines Seitentals zu gelangen.

Mit dem Rückzug der Gletscher am Ende der Würm-Kaltzeit vor 12 000 Jahren entstanden an den Geländestufen zwischen Neben- und Haupttälern zunächst gewaltige Wasserfälle. Die abschmelzenden Gletschern sorgten für einen hohen Durchfluss. Bäche und Flüsse führten damals also deutlich mehr Wasser als heute und besaßen dementsprechend eine höhere Erosionskraft. So entstanden die meisten Klammen innerhalb relativ kurzer Zeit während der großen Gletscherschmelze nach der Würm-Kaltzeit.

Das richtige Gestein

Wettersteinkalk in der Leutaschklamm bei Mittenwald.

Klammen bilden sich ausschließlich in hartem Festgestein, das dem Wasser eine hohe Widerstandskraft entgegensetzt. Je härter der Fels, umso enger wird die Klamm.

Doch nicht nur die Gesteinsart, sondern auch ihre Ausprägung spielt eine Rolle. Am stabilsten sind kompakte Riffkalke. Sie bieten der Erosion kaum Angriffsflächen.
Gebankte Gesteine weisen dagegen wegen der Schichtgrenzen automatisch Schwachstellen auf. Dringt dort Wasser ein und gefriert, dann werden früher oder später Teile abgesprengt. Liegen die Schichten schräg, neigen sie außerdem zu Rutschungen. Wenn von oben ständig etwas abbröckelt oder nachrutscht, können sich keine senkrechten Wände ausbilden.

Das am weitesten verbreitete Gestein der Nördlichen Kalkalpen ist der Hauptdolomit. Trotz seiner spröden und brüchigen Eigenschaften gibt es im Hauptdolomit zahlreiche Klammen, wie beispielsweise die Gleirschklamm bei Scharnitz im Karwendel. Allerdings müsste die Gleirschklamm streng genommen eher als Schlucht bezeichnet werden.

Wegen seiner hohen Festigkeit besonders gut für die Bildung von Klammen geeignet ist der Wettersteinkalk. Die Leutaschklamm und die Höllentalkamm bestehen komplett aus diesem Gestein. Beide befinden sich im Wettersteingebirge. Der Wettersteinkalk tritt aber auch in anderen Gebirgsgruppen auf. Die kleine Lechklamm bei Füssen grub sich ebenfalls durch den Wettersteinkalk.

Mit der Partnachklamm gibt es bei Garmisch-Partenkirchen im Wettersteingebirge eines der beliebtesten Ausflugsziele der Ostalpen. Die Partnach durchschneidet dort auf einer Länge von 700 Metern einen Riegel aus hartem Alpinem Muschelkalk, einem Gestein, das immer wieder in Klammen auftaucht.

Weitere typische Gesteinsarten, die in Klammen zu Tage treten, sind der Schrattenkalk aus der Kreide und der Nummulitenkalk aus der Trias. Häufig sind in einer Klamm auch mehrere unterschiedliche Gesteine vorhanden.

Rückschreitende Erosion

Ein Wasserfall schneidet sich durch die rückschreitende Erosion in den Fels.

Die Entstehung einer Klamm oder Schlucht beginnt immer mit einem oder mehreren Wasserfällen. Durch die so genannte rückschreitende Erosion wandern Wasserfälle flussaufwärts. Je nach Festigkeit des Gesteins hinterlassen sie dabei eine enge Klamm oder eine breite Schlucht. Wassermenge und Fließgeschwindigkeit entscheiden darüber, wie schnell dieser Prozess vonstattengeht.

Mit der rückschreitenden Erosion verhält es sich folgendermaßen:
Am Grund eines Wasserfalls bildet sich durch die Wucht des Aufpralls ein Wirbel. Dieser Wirbel schleudert Sand und Geröll gegen die rückseitige Felswand, so dass diese mit der Zeit unterhöhlt wird. Deshalb kann man hinter manchen Wasserfällen durchlaufen, wenn nicht gerade Schneeschmelze herrscht oder ein Starkregen niedergeht. Irgendwann ist die Unterhöhlung so weit fortgeschritten, dass der überhängende Teil des Felsens abbricht. Damit wandert der Wasserfall ein kleines Stück zurück und der Prozess beginnt wieder von vorne.

Literatur