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Wie der Zirkus in die Berge kam

Die Alpen zwischen Idylle und Rummelplatz (Karl Stankiewitz)

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Die Alpen sind die am stärksten touristisch erschlossene Gebirgsregion der Welt. Nirgendwo sonst fahren so viele Bergbahnen oder donnern mehr Schneekanonen. Dennoch tobt die Material­schlacht unaufhörlich weiter. Unter dem passenden Titel Wie der Zirkus in die Berge kam beleuchtet Karl Stankiewitz die Auswüchse des Alpintourismus. Aktualisiert am

Als Playground of Europe wurden die Alpen von den englischen Bergsteigern des so genannten Goldenen Zeitalters bezeichnet. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Alpen allerdings noch nahezu unerschlossen. Heute sieht der Spielplatz ganz anders aus. Der moderne Mensch hungert nach permanenter Unterhaltung und Konsum. Nur Natur allein genügt offenbar nicht. Ferienorte, die nicht abgehängt werden wollen, müssen sich ständig neue Events und Attraktionen einfallen lassen. Wenn die Kasse klingelt, ist man nur zu gerne bereit, die über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft zu opfern.

Karl Stankiewitz weiß in seinem Werk diesbezüglich von zahlreichen erschreckenden Beispielen zu berichten. In 40 Jahren Alpinjournalismus sah und erlebte der Autor vieles. Er kann daher aus einem umfangreichen Faktenwissen schöpfen. Den Schwerpunkt seiner Analyse bilden die Eingriffe durch Straßenbau und Skitourismus. Stankiewitz zeigt wie in Bayern, Tirol sowie anderen Alpenregionen Tal für Tal systematisch erschlossen wurde. Schon früh formierte sich breiter, bürgerlicher Protest gegen die oft defizitären Seilbahnprojekte. So konnten in Bayern unter anderem der Geigelstein, der Watzmann und der Krottenkopf gerettet werden. Am Geigelstein entstand ein großes Naturschutzgebiet, im Berchtesgadener Land trotz vieler Widerstände der zweite bayerische Nationalpark.
Anderswo wird dagegen umso heftiger gebaut. Jüngstes Ärgernis ist die großflächige Beschneiung am Sudelfeld. Dass hier wieder mal Kommerz über Vernunft siegen würde, war zum Erscheinungstermin noch nicht klar.
Amüsant zu lesen ist die Serie gescheiterter Bewerbungen für die Olympischen Winterspiele. Das letzte Kapitel endet mit dem Hinweis, dass offenbar ein erneuter Anlauf unternommen werden soll. Wir wissen inzwischen, dass dieser 2013 von den Bürgern der geplanten Austragungsorte bereits im Keim erstickt wurde.

Der Grundtenor des Buchs ist trotz einiger Lichtblicke pessimistisch. Die Erfolge, welche Stankiewitz beschreibt, können die alpine Umweltzerstörung nicht aufhalten, sondern höchstens etwas ausbremsen. Den Alpen und ihren Besuchern würden mehr Wildnis und ein sanfterer Tourismus sicher gut tun. Dafür muss aber jeder sein eigenes Freizeitverhalten kritisch hinterfragen. Anregungen dazu bietet das Buch mehr als genug.

1. Auflage 2012 oekom München 304 Seiten