Natur erleben im bayerischen und Tiroler Alpenraum Wanderungen Bergtouren Ausflugstipps

(3)
  1. Geschichte und Kultur
  2. Almwirtschaft

Der Traum von den schönen Bergen

Ein Erbe der Romantik

Die Vorstellung von den Alpen als Inbegriff einer schönen Landschaft geht auf die Epoche der Romantik zurück. Die Romantik ergibt sich dabei aus einem speziellen Bildaufbau, bei dem ein lieblicher Vordergrund mit einem Hintergrund aus rauen Felsgipfeln kombiniert wird. Solange die Distanz zum Kitsch gewahrt bleibt, kann man sich dem Reiz derartiger Ansichten kaum entziehen.

Das Bergdorf Gerstruben mit der Höfats ist ein Beispiel für das romantische Motiv. Das Leben in Gerstruben war allerdings alles andere als romantisch.
Mit der Realität hat das von Künstlern und Fotografen geprägte romantische Alpenbild eher weniger zu tun. Im kollektiven Bewusstsein wurden die Alpen dennoch zu einem Synonym für die schöne Landschaft schlechthin. Man muss nur entsprechende Kalender, Bildbände oder Magazine durchblättern. Typisch für die verwendeten Aufnahmen ist eine scheinbar intakte Landschaft, wobei diese auch historische Bergdörfer und Almen samt dem gewachsenen Kulturland mit einschließt. In Wirklichkeit ist diese Landschaft ein Idealbild, das höchstens einen kleinen Teil der Alpen repräsentiert. Außerdem ist sie schon seit Langem im Verschwinden begriffen und permanent durch Bau- und Erschließungs­maßnahmen bedroht. Wo sie tatsächlich noch existiert, sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, den romantischen Blickwinkel auf die Lebensrealität der einstigen Bewohner zu übertragen. Der Alltag in den Bergdörfern und auf den Almen war unglaublich hart und entbehrungsreich.

Unberührte Natur wird zur Kulturlandschaft

Mit ihrem steten Wechsel von Wald und Weide haben Almgebiete etwas Parkähnliches. In derartigen Landschaften fühlen wir uns besonders wohl.

Die so genannte unberührte Natur richtet sich keineswegs von vorneherein nach unserem ästhetischen Empfinden. Im Gegenteil, sie kann recht abweisend wirken und durch menschliche Eingriffe sogar verschönert werden. Gerade diejenigen Ansichten, die uns besonders ansprechen, schließen häufig Kulturland mit ein.
Bevor die Alpen besiedelt wurden, waren sie bis zur Baumgrenze fast vollständig von dichten Wäldern und undurchdringlichen Latschenfeldern bedeckt. Die Täler waren weitgehend versumpft und wurden von wilden Flüssen beherrscht. Die Ufer der meisten ach so idyllischen Seen waren zugewachsen und schwer zugänglich. Zusammen mit der kargen Fels- und Eiswüste des Hochgebirges eine ziemlich menschenfeindliche Landschaft.

Erst mit der großflächigen Urbarmachung der Täler und den gerodeten Almlichten oberhalb der Bannwälder entstand die für uns heute selbstverständliche alpine Kulturlandschaft. Der Tourismus profitiert und lebt stark von dem, was in Jahrhunderten gewachsen ist: kleinräumige Strukturen, artenreiche Weiden und Wiesen, gastliche Almhütten, Wegkreuze, Kapellen und die sprichwörtlichen glücklichen Kühe. Am wichtigsten ist dabei aber die im Zuge der Almwirtschaft geschaffene offene Perspektive. Denn erst so kommen das Panorama und die Naturschönheit richtig zur Geltung. Es gibt sie ja wirklich, diese traumhaften Bilder von den Bergen. Nur ist das eben nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Die Alpen sind kein Heidiland

Nur der Name erinnert noch daran, dass hier früher eine echte Alm stand.
Die historische Bebauung integriert sich scheinbar nahtlos in ihre Umgebung und wertet diese sogar auf. Vor Ort verfügbares Baumaterial, wiederkehrende Gestaltungselemente und eine jahrhundertelange regionale Tradition schufen ein in sich stimmiges Gesamtbild. Sicher spielt für heutige Augen auch die Nostalgie eine gewisse Rolle.
Bei der neueren Bebauung gelingt eine Symbiose mit der Landschaft oft nicht mehr. Das Problem stellt dabei nicht nur der manchmal geschmacklose Baustil einzelner Gebäude dar, sondern auch deren Dimension und Anzahl. Etwa wenn aus einer winzigen Almhütte ein stattlicher Berggasthof samt Nebengebäuden wird. Dass die ausufernde Zersiedelung in den Alpen viel störender empfunden wird als diejenige im Flachland, beruht auf dem romantischen Idealbild, das wir von den Alpen haben. Doch die Alpen sind kein Heidiland. Von ein bisschen Almidylle kann niemand leben. Die Bevölkerung benötigt Wohnraum, eine moderne Infrastruktur und Arbeitsplätze.

Wohin geht die Reise?

Die umstrittene Aussichtsplattform AlpspiX am Osterfelderkopf.
Nicht wenige der umstrittenen Baumaßnahmen in den Alpen hängen direkt oder indirekt mit dem Tourismus zusammen. Es gibt im Tourismus jedoch zwei unterschiedliche Tendenzen. Auf der einen Seite drängt ein zahlungskräftiges und erlebnishungriges Publikum in die Berge, bzw. soll durch immer neue Attraktionen angelockt werden. Als Geschmacksverstärker (Stefan Glowacz) dienen Fahrgeschäfte wie beim Oktoberfest, Aussichtsplattformen mit eingebautem Nervenkitzel, künstliche Eistürme oder riesige Plastikdinos. Kritiker befürchten schon, dass die Alpen zur reinen Event-Kulisse verkommen könnten.
Andererseits werden abgelegene Täler und Dörfer, an denen der Massentourismus bisher vorüberging und die weder besonderen Komfort noch Attraktionen zu bieten haben, gerade deshalb interessant. Viele Menschen suchen im Urlaub vor allem nach Entspannung, Beschaulichkeit und schöner Natur. Das Echte und Ursprüngliche ist wieder angesagt. Die traditionelle Vieh- und Almwirtschaft gehört genauso dazu wie eine unverbaute Landschaft. So kann das romantisch verklärte Alpenbild vielleicht dazu beitragen, dass ein wenig davon erhalten bleibt.