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Der Traum von den schönen Bergen

Ein Erbe der Romantik

Die Vorstellung von den Alpen als Inbegriff einer schönen Landschaft geht auf die Epoche der Romantik zurück. Die Romantik ergibt sich dabei aus einem speziellen Bildaufbau, bei dem ein lieblicher Vordergrund mit einem Hintergrund aus rauen Felsgipfeln kombiniert wird. Solange die Distanz zum Kitsch gewahrt bleibt, kann man sich dem Reiz derartiger Ansichten kaum entziehen.
Stand:

Das romantische Alpenbild ist ein Kunstprodukt

Das Bergdorf Gerstruben mit der Höfats ist ein Beispiel für das romantische Motiv. Das Leben in Gerstruben war allerdings extrem beschwerlich, die Bewohner hatten kaum genug zum Leben.

Mit der Realität hat das von Künstlern und Fotografen geprägte romantische Alpenbild wenig zu tun. Im kollektiven Bewusstsein wurden die Alpen dennoch zur schönen Landschaft schlechthin hochstilisiert. Man muss nur entsprechende Kalender, Bildbände oder Magazine durchblättern. Instagrammer arbeiten ebenfalls gerne mit dem romantischen Motiv. Es garantiert zahlreiche Likes. Typisch für die verwendeten Aufnahmen ist eine scheinbar intakte Landschaft, wobei diese auch historische Bergdörfer und Almen samt dem gewachsenen Kulturland mit einschließt, das alles vor einer möglichst wilden, hellen Felskulisse. Der Ausschnitt wird so gewählt, dass Störendes unsichtbar bleibt. In Wirklichkeit repräsentiert dieses Idealbild einen eher kleinen Teil der Landschaft.Vielerorts sehen die Alpen doch recht gewöhnlich und unspektakulär aus, manchmal sogar unfreundlich oder gar abweisend.Zudem ist die alpine Idylle schon seit Langem im Verschwinden begriffen. Almbauern geben auf, die bäuerliche Kultur musste dem Skitourismus weichen, Hotelanlagen verunstalten die Täler, Bau- und Erschließungs­maßnahmen bedrohen die letzten Refugien.

Dort, wo die ersehnte romantische Landschaft tatsächlich noch existiert, sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, unseren städtisch-touristisch geprägten Blickwinkel auf die Lebensrealität der einstigen Bewohner zu übertragen. Der Alltag in den Bergdörfern und auf den Almen war unglaublich hart und entbehrungsreich. Der Reiseschriftsteller Heinrich Noë (1835 - 1896) wunderte sich, dass die Alpenbevölkerung keinen Blick für die sie umgebende Schönheit hatte und den Bergen Namen wie Schinder oder Unnütz gab. Herablassend führte Noë dies auf das schlichte Gemüt der Bauern zurück, ohne Verständnis dafür, dass es etwas anderes ist, gelegentlich bei Sonnenschein gemütlich einen Berg zu besteigen, als dort oben täglich bei jedem Wetter dem Vieh hinterherzurennen.

Unberührte Natur wird zur Kulturlandschaft

Blick vom Brünnstein über die Himmelmoosalm. Mit ihrer kleinteiligen Struktur aus Wald- und Lichtweide haben Almgebiete etwas Parkähnliches. In derartigen Landschaften fühlen wir uns besonders wohl.

Es besteht beim modernen Menschen eine große Sehnsucht nach Wildnis. Doch die emotional aufgeladene unberührte Natur richtet sich keineswegs von vorneherein nach unserem ästhetischen Empfinden. Im Gegenteil, sie kann recht abweisend wirken und durch menschliche Eingriffe sogar verschönert werden.Gerade diejenigen Ansichten, die uns besonders ansprechen, schließen häufig Kulturland mit ein.Vor der Besiedelung waren die Alpen bis zur Baumgrenze fast vollständig von dichten Wäldern und undurchdringlichen Latschenfeldern bedeckt. Die versumpften Täler wurden von wilden Flüssen beherrscht. Die Ufer der meisten ach so idyllischen Seen waren zugewachsen und schwer zugänglich. Zusammen mit der kargen Fels- und Eiswüste des Hochgebirges eine ziemlich menschenfeindliche Landschaft.

Erst mit der großflächigen Urbarmachung der Täler und den gerodeten Almlichten oberhalb der Bannwälder entstand die für uns heute selbst­verständliche alpine Kulturlandschaft mit ihrem so besonderen Reiz. Der Tourismus profitiert stark von dem, was in Jahrhunderten gewachsen ist: kleinräumige Strukturen, artenreiche Weiden und Wiesen, gastliche Almhütten, Wegkreuze, Kapellen und die sprichwörtlichen glücklichen Kühe. Am wichtigsten ist dabei aber die im Zuge der Almwirtschaft geschaffene offene Perspektive. Denn erst so kommen das Panorama und die Naturschönheit richtig zur Geltung. Es gibt sie ja wirklich, diese traumhaften Bilder von den Bergen. Nur ist das eben nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Die Alpen sind kein Heidiland

Mit einer echten Alm haben derart ausgebaute Gastbetriebe nicht mehr viel zu tun.
Die historische Bebauung integriert sich scheinbar nahtlos in ihre Umgebung und wertet diese sogar auf.Vor Ort verfügbares Baumaterial, wiederkehrende Gestaltungs­elemente und eine jahrhunderte­lange regionale Tradition schufen ein in sich stimmiges Gesamtbild.Sicher spielt für heutige Augen auch die Nostalgie eine gewisse Rolle. Bei der neueren Bebauung gelingt eine Symbiose mit der Landschaft meistens nicht mehr. Das Problem stellt dabei nicht nur der manchmal geschmack­lose Baustil einzelner Gebäude dar, sondern auch deren Dimension und Anzahl. Etwa wenn aus einer winzigen Almhütte ein stattlicher Berggasthof samt Nebengebäuden wird. Durch die Modernisierung von Skigebieten werden ohnehin schon geschundene Gebiete noch weiter verschandelt.
Dass die ausufernde Zersiedelung in den Alpen viel störender empfunden wird als diejenige im Flachland, beruht auf dem romantischen Idealbild, das wir von den Alpen haben.
Doch die Alpen sind kein Heidiland. Von ein bisschen Almidylle kann niemand leben. Die alpine Bevölkerung benötigt Wohnraum, eine moderne Infrastruktur und Arbeitsplätze. Sich über die Baumaßnahmen in den Alpen aufzuregen, während man selbst in einer Reihenhaus­siedlung wohnt, sich aus riesigen Versandzentren beliefern lässt und regelmäßig über die Autobahn in die schönen Berge fährt, ist inkonsequent.

Wohin geht die Reise?

Die umstrittene Aussichtsplattform AlpspiX am Osterfelderkopf im Wettersteingebirge.
Nicht wenige der umstrittenen Baumaßnahmen in den Alpen hängen direkt oder indirekt mit dem Tourismus zusammen. Es gibt im Tourismus jedoch zwei unterschiedliche Tendenzen. Auf der einen Seite drängt ein zahlungskräftiges, oft internationales und erlebnishungriges Publikum in die Berge, bzw. soll durch immer neue Attraktionen angelockt werden. Als Geschmacksverstärker (Stefan Glowacz) dienen Fahrgeschäfte wie beim Oktoberfest, Aussichtsplattformen mit eingebautem Nervenkitzel, künstliche Eistürme oder riesige Plastikdinos. Kritiker befürchten schon, dass die Alpen zur reinen Event-Kulisse verkommen könnten. Der Journalist Karl Stankiewitz spricht vom Zirkus und kritisiert diese Entwicklung schon lange.
Andererseits werden abgelegene Täler und Dörfer, an denen der Massentourismus bisher vorüberging und die weder besonderen Komfort noch Attraktionen zu bieten haben, gerade deshalb interessant. Das Konzept der Bergsteigerdörfer setzt genau auf diesen Trend, wieder mehr zu den Anfängen des Alpentourismus zurückzufinden.Viele Menschen suchen im Urlaub vor allem nach Entspannung, Beschaulichkeit und schöner Natur.Das Echte und Ursprüngliche ist wieder angesagt. Die traditionelle Vieh- und Almwirtschaft gehört ebenso dazu wie eine unverbaute Landschaft. So kann das romantisch verklärte Alpenbild vielleicht dazu beitragen, dass ein wenig davon erhalten bleibt.