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Stille Wege und einsame Gipfel

Wo man in den Bergen noch Ruhe findet

Es sind seit Jahrzehnten dieselben Klagen. An schönen Wochenenden oder Ferientagen treten sich die Bergfreunde an den zahlreichen Hotspots der Bayerischen Alpen gegenseitig auf ihren Wanderschuhen herum. Statt der ersehnten Stille und Beschaulichkeit finden sich vielerorts nur volle Gipfel, laute Zeitgenossen und überbelegte Hütten.

Der Stuibensee am Fuße der Alpspitze ist eine Oase der Ruhe.
Dabei scheint es relativ egal zu sein, ob man anspruchsvolle Ziele anstrebt oder bloß eine kleine, gemütliche Wanderung unternimmt. Überall von Berchtesgaden bis ins Allgäu herrscht nahezu ganzjährig Hochbetrieb. Dies beginnt bereits mit der Anreise. Auf manchen Zugstrecken gibt es zu den Stoßzeiten Platznot wie im Berufsverkehr. Regelmäßige Freizeitstaus werden unter anderem am Tegernsee, im Loisachtal oder rund um Oberstdorf gemeldet. Im Sommer sorgt die wachsende Zahl an Mountainbikern und Klettersteigfans für zusätzlichen, oft lauten Trubel. Im Winter treiben überlastete Pisten mehr und mehr Skifahrer als Skitourengeher in einst abgeschiedene Gegenden. Bei Schneeschuhwanderern ist diese Tendenz sogar noch stärker ausgeprägt.

Natur und Berge sind für alle da

Egal ob Sommer oder Winter – viele Gipfel sind fast immer gut besucht, wie hier der Hirschberg am Tegernsee.
Zunächst einmal gehören die Berge allen, die Lust und Kraft haben hinaufzusteigen. Alpinsportarten liegen voll im Trend und werden von Menschen jeden Alters betrieben. Besonders beliebt sind Wandern, Bergsteigen, Mountainbiken und Skitourengehen – Tendenz steigend. Während manche lieber allein sein möchte, genießen andere durchaus die Geselligkeit und wollen auf sich aufmerksam machen. Gerne werden die Gehzeiten, das Panorama oder zurückliegende Bergabenteuer lautstark erörtert. Nicht für jeden unfreiwilligen Zuhörer ist das ein Genuss.
Gerade Kurzausflüge zu nahe gelegenen Hütten, am besten mit Seilbahn­anbindung, sind überlaufen. Wuseln tut es darüber hinaus vornehmlich auf all jenen Gipfeln, die bei Gelegenheitswanderern beliebt sind. Eine schnelle Erreichbarkeit, einfache Wege und mindestens eine Einkehrmöglichkeit zählen zu ihren Markenzeichen. Aber auch Renommee-Touren bieten selten eine stille Gipfelrast. Je besser mit einem Berg angegeben werden kann, umso mehr wollen hinauf. Letztendlich kann sich jeder an die eigene Nase fassen, anstatt über die anderen zu lamentieren. Man trägt schließlich selbst mit zum Rummel bei.

Tipps für stille Touren

Trotz allem, wer in den Bergen keine Einsamkeit findet, macht grundsätzlich etwas falsch. Es ist so schwer, ihr zu entgehen, dass sich die Frage stellt, ob sie denn tatsächlich gesucht wird. Die weißen Flecken zwischen den Hauptanziehungspunkten sind riesig. Gerade im Karwendel, den Ammergauern oder den Miemingern wird so mancher Gipfel jedes Jahr nur von einigen wenigen besucht und mancher Pfad kaum begangen. Es kostet freilich deutlich mehr Mühe, sich auf Entdeckungstour nach diesen unbekannten Ecken zu machen, ist oft anstrengender und mitunter gefährlicher.

  • Gipfel der zweiten Reihe, die im Schatten prominenter Berge stehen, eröffnen oft ein gleichwertiges bergsteigerisches Erlebnis ohne das ganze Gedrängel. So etwa der Kleine Watzmann statt des Großen oder der Hochblassen statt der Alpspitze.
  • Keine Einkehrmöglichkeit ist meistens eine Garantie für wenig Leute.
  • Touren in Seilbahnnähe während der Hochsaison möglichst meiden. Ideal sind Revisionszeiten.
  • Augen offen halten und sich mit Ortskundigen freundlich austauschen. Vielleicht rücken sie ja mit einem Geheimtipp raus.
  • Niemand soll und will beim schlimmsten Sauwetter wandern. Viele lassen sich jedoch bereits von ein paar Wolken und Regentropfen abschrecken. Macht einem ein bisschen trüberes Wetter nichts aus, dann hat man in diesem Fall häufig seine Ruhe.
  • Aktuelle Tipps aus Tageszeitungen, Magazinen oder DAV-Zeitschriften erst einmal meiden und auf später verschieben, bis sie etwas Staub angesetzt haben.
  • Ein antizyklisches Verhalten lohnt sich fast immer. Mit einem sehr frühen oder späten Aufbruch umgeht man die Rushhour am Gipfel. Oder man nutzt verstärkt die Übergangszeiten zwischen Sommer- und Wintersaison, wenn viele Einkehrmöglichkeiten Betriebsferien haben.

Literatur und Webadressen

Mit Hilfe der historischen Karten, die vom Geoportal Bayern bereitgestellt werden, lässt sich manch vergessener Pfad wiederentdecken. Ob er im Gelände tatsächlich noch existiert und begehbar ist, lässt sich nur an Ort und Stelle klären. Eine gute Orientierungsfähigkeit und hohe Frustrationstoleranz muss vorhanden sein.
Außerdem verbessert sich OpenStreetMap fortwährend. Hier tauchen alte Wege wieder auf, die aus den aktuellen Kartenwerken nach und nach gestrichen wurden.

Einige private Webseiten befassen sich speziell mit einsamen Routen und Schleichwegen, meist auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt. Erwähnenswert sind unter anderem die Bergseiten von Manfred Bromba fürs Mangfallgebirge, gipfelsuechtig.de für die Allgäuer Alpen oder roBerge.de fürs Inntal und die Chiemgauer. Die Wanderseite von Familie Steiner deckte den gesamten bayerischen Alpenraum ab und beschreibt – anders als der Name vermuten lässt – recht verwickelte und anspruchsvolle Touren. Von den großen Mitmachportalen bietet nach wie vor hikr.org den besten Fundus an nicht alltäglichen Unternehmungen.
Eine gewisse Grundskepsis bezüglich Qualität und Verlässlichkeit ist angebracht. Dies gilt natürlich ebenso für meine eigene Seite. Deshalb in jedem Fall zur Sicherheit eine zweite Quelle zur selben Route konsultieren.

Es gibt zunehmend Neuerscheinungen, die Alternativen zu den immergleichen Tourentipps versprechen. Sehr gelungen sind die beiden Führer Abseits des Trubels in den bayerischen Alpen von Siegfried Garnweidner sowie Vergessene Pfade in den Bayerischen Hausbergen von Joachim Burghardt.

Sicherheitsaspekte und Naturschutz

Was eigentlich generell gilt, ist bei abgelegenen Routen noch wichtiger. Es sollte immer jemand informiert sein, wo man unterwegs ist. Also in der Unterkunft, der Hütte oder zu Hause Bescheid geben und spontane Änderungen mitteilen.
Denn so wunderbar eine menschenleere Idylle auch sein mag, wer in Bergnot gerät, wird diese verfluchen. Es kann dann lebenswichtig sein, dass die Bergwacht weiß, wo sie ungefähr suchen muss.

Wildtiere finden heutzutage kaum noch Rückzugsräume. Wildschon- und schutzgebiete deshalb unbedingt respektieren. Des Weiteren sich so leise wie möglich verhalten, die Tiere in Ruhe lassen und auch auf die Flora achtgeben.