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Sehnsucht nach Wildnis

Ein neuer Trend?

Wir Menschen mögen die Wildnis eigentlich nicht. Im Lauf der Jahrtausende verwandelten wir die als feindselig empfundene Natur Stück für Stück in nützliches Kulturland. Urwälder und gefährliche Tiere verschwanden, Moore wurden trocken gelegt und Flüsse gebändigt. Nachdem nun endlich alles begradigt und gezähmt ist, erscheint die Wildnis fast wie das verlorene Paradies.

Der Lauterbach ist ein naturbelassener Zufluss der Loisach und eine Wildnis im Kleinen, aber keine unberührte Natur.
Ursprüngliche, vom Menschen unbeeinflusste Natur gibt es in Zentraleuropa praktisch nicht mehr. Dass wir überhaupt noch einen Hauch von Wildnis erleben können, verdanken wir den Alpen und den Mittelgebirgen, die sich an einigen unzugänglichen Stellen gegen unsere Eingriffe sperren. Doch Wildnis kann auch wieder neu entstehen, wie etwa in extensiv bewirtschafteten Mischwäldern, an renaturierten Flüssen und in wiedervernässte Moore. Ja selbst eine Wildblumenwiese am Straßenrand oder im eigenen Garten ist schließlich ein Stück Wildnis. Vorausgesetzt wir interpretieren diese nicht als so genannte unberührte Natur. Sogar in den Nationalparks wird abgesehen von den Kernzonen pflegend eingegriffen. In den Kernzonen soll sich die Natur möglichst frei entfalten. Zuvor wurde das gesamte Gebiet natürlich vielfältig genutzt.

Sehnsucht und Praxis klaffen auseinander

Wildnis ist nach den vom Bundesamt für Naturschutz durchgeführten Naturbewusstseinsstudien für zwei Drittel der Deutschen ein positiv besetzter Begriff. Dies hat jedoch nicht zwangsläufig Auswirkungen auf das praktische Tun. Die Zeit, die in der Natur zugebracht wird, nimmt jedenfalls ab und auch die Zahl der Wanderer geht zurück. Dies ergibt sich aus den von wanderforschung.de zusammen­getragenen und analysierten Daten. Besonders junge Menschen wenden sich vom Wandern ab oder fangen gar nicht erst damit an. Der oft beschworene Trend ist eine Legende und geht vielleicht auf ein kurzes Hoch um die Jahrtausendwende zurück. Nicht besser sieht es bei den Kindern aus. Die Deutsche Wildtierstiftung attestiert Kindern auf Basis einer von ihr beauftragten Emnid-Umfrage eine erschreckende Naturferne. Schuld sollen die Eltern sein, weil sie ihre Kinder aus Angst immer seltener allein im Wald spielen lassen. Ich tippe eher auf die Verstädterung und die digitale Konkurrenz. Umfragen zeichnen also ein deutlich anderes Bild, als es Wandermagazine und Outdoorwerbung suggerieren. Gerade Familien und junge Menschen stellen wohl nach anfänglicher Begeisterung fest, dass die Realität nicht unbedingt der Bilderbuchidylle aus den Hochglanzprospekten entspricht. Ältere Wanderer und Bergsteiger bleiben ihrem Hobby tendenziell treu.

Und was ist mit dem Boom der Outdoorbranche? Diese verzeichnete zeitweise tatsächlich zweistellige Zuwachsraten. Mittlerweile gilt der Markt als gesättigt und wächst nur noch moderat. Der Boom wurde allerdings weniger von einer gesteigerten Naturnähe als vielmehr von Mode, Livestyle und Status getrieben.

Angesichts der Fülle an konkurrierenden Freizeitangeboten ist es trotzdem ein gutes Zeichen, dass die Hälfte der Bevölkerung gelegentlich und jeder Zehnte sogar regelmäßig wandert.

Vom Verschwinden der Wildnis

Das Logo trügt. In Wirklichkeit stagniert der Flächenverbrauch in Bayern seit 2003 auf hohem Niveau.
Ohne Wildnis entfremden wir uns von der Natur. Es ist schwer, die Qualität eines Waldes oder einer Wiese zu beurteilen, wenn man vorwiegend Fichten­monokulturen und Golfrasen zu Gesicht bekommt. Kulturland und Wildnis sind gleichermaßen bedroht. Im Gebirge wird der Natur durch immer neue Forstwege, Speicherteiche, Liftanlagen und Energieprojekte Boden entzogen. Der Verein Mountain Wilderness wehrt sich engagiert gegen schädliche Eingriffe speziell im Gebirge – leider selten mit Erfolg. Noch schlimmer ist es um das Flachland bestellt. Allein in Bayern werden täglich 18 Hektar verbaut (Stand 2013). Reihenhaussiedlungen fressen sich ins so genannte Grüne und unsere Kulturlandschaft entwickelt sich hin zu einer Industrielandschaft aus Maisfeldern, Solarparks und Logistikzentren. Das bedeutet mehr Wirtschaftswachstum, aber weniger Lebensqualität. Entlang der Autobahnen lässt sich erahnen, wohin die Reise geht. Das wanderbare Land wird täglich kleiner.
Der Bayerische Staatsregierung ist das Problem seit Längerem bewusst. 2003 rief sie daher das Bündnis zum Flächensparen ins Leben. Seitdem werden fleißig Daten gesammelt. Das Bauen geht indessen ungehindert weiter.

Mehr Wildnis wagen

Naturkunde am Wegesrand. Bewusstseinsbildung ist die beste Voraussetzung für den Naturschutz.
Das Non­plus­ul­t­ra für mehr Wildnis sind Nationalparks. Gerade Bayern könnte hier als großes Flächenland deutlich mehr tun. Derzeit wird nach dem Standort für einen dritten Nationalpark gesucht. Doch die Widerstände von Waldbesitzern, Landwirten, Jägern und Lokalpolitikern sind oft gewaltig. Während die ortsansässige Bevölkerung meist eher ablehnend reagiert, stehen Stadtbewohner der Nationalparkidee aufgeschlossener gegenüber. Überraschend ist das nicht. Dennoch sollte gerade der Staatswald in erster Linie der Bevölkerung Raum für Naherholung und Naturbildung bieten. Wirtschaftliche Interessen, etwa von Jägern oder der Holzindustrie, sollten zweitrangig sein.
Problematisch ist in diesem Zusammenhang außerdem, dass die Bayerischen Staatsforsten nach Gewinn streben. Naturschützer und Anwohner klagen häufig, dass Wälder regelrecht geplündert würden. Das Thema ist umstritten. Sicher ist in jedem Fall, dass Naturschutz und Erholung für die Bayerischen Staatsforsten eine untergeordnete Rolle spielen.
In Tirol sieht man in der Waldstrategie 2020 eine ähnliche Tendenz. Die Versorgung mit nachwachsenden Rohstoffen macht eine nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder schwieriger. Man rechnet damit, dass das Verhältnis zum Naturschutz konfliktreicher wird. Eine Durchsetzung von nutzungsfreien Waldreservaten scheint in Tirol ebenso mühsam wie in Bayern.