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Outdoor und Minimalismus

Mehr Freizeit wagen

Die Idee des Minimalismus ist ein eigenständiger Trend, der nicht direkt etwas mit dem Thema Outdoor zu tun hat. Dennoch gibt es Berührungspunkte, weil bei Outdoor­aktivitäten die Vermeidung von überflüssigem Ballast und ein zeitweiser Verzicht auf Annehmlichkeiten eine wichtige Rolle spielen.

Verglichen mit den Menschen vor hundert Jahren besitzen wir heute durchschnittlich mehr als das 10-Fache an Gegenständen. Doch nutzen wir sie auch alle? Vieles wird nur aus einer kurzen Laune heraus gekauft und endet als Staubfängern. Anstatt unser Leben wie von der Werbung versprochen zu bereichern, erweist sich das Gekaufte häufig als unnötiger Ballast. Immer mehr Waren werden produziert, um nach kurzer Verwendungsdauer oder sogar völlig unbenutzt wieder entsorgt zu werden. Oft erwerben wir Dinge nicht, weil wir sie tatsächlich brauchen, vielmehr sollen sie uns Aufmerksamkeit und Anerkennung verschaffen.
Am Wochenende ist vielleicht ein Wanderausflug mit Kollegen oder Freunden geplant. Trekkingstiefel, Wanderhose und Regenjacke sind eigentlich in einem guten Zustand, aber schon ein wenig abgenutzt. Also muss schnell noch etwas Neues her. Man will ja schick aussehen. Als fleißiger Bahnfahrer bin ich unfreiwilliger Zuhörer unzähliger Gespräche, die sich um frisch erworbene Ausrüstungs­gegenstände drehen. Wer nichts vorzuweisen hat, kann sich da schnell ausgegrenzt fühlen.
Andererseits kann gerade die Aktivität in der Natur zum Nachdenken über einen einfacheren Lebensstil anregen. Wenn man unterwegs mit wenigem auskommt, warum dann nicht ebenso im Alltag? Für zeitaufwändige Hobbys wie Wandern, Bergsteigen usw. ist es eine spannende Idee, durch Konsumverzicht weniger arbeiten zu müssen. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Verbindung von Outdoor und Minimalismus auch auf einigen Blogs eine Rolle spielt:

Minimalismus setzt Überfluss voraus

Materieller Verzicht zu Gunsten eines höheren Gutes findet sich zu allen Zeiten. So unterschiedlich die Motive antiker Philosophen, christlicher Einsiedler oder moderner Aussteiger auch sein mögen, sie alle haben eines gemeinsam. Es handelt sich um einen freiwilligen Verzicht auf etwas, das eigentlich zu haben wäre. Verzicht setzt nämlich ein gewisses Maß an Überfluss voraus. Andernfalls würde man die Armut zur Tugend erklären. Allerdings kann die Freiwilligkeit unter Umständen zum Zwang werden, wenn nach dem Ausstieg eine Rückkehr in das vorherige Leben dauerhaft versperrt bleibt.
Unser heutiger Minimalismus ist vor allem eine Reaktion auf das Überangebot an Waren und die Erfahrung, dass ein Großteil der Dinge ungenutzt herumliegt. In einer Mangelwirtschaft oder in Notzeiten kommt niemand auf die Idee, minimalistisch zu leben.

Die Digitalisierung erleichtert den Minimalismus

Smartphones sind wahre Multitalente. Sie vereinigen in sich Funktionen, für die früher mehrere Einzelgeräte nötig waren. Bei Outdoor­aktivitäten können sie unter anderem das GPS-Gerät, die Digitalkamera und die Taschenlampe ersetzen. Der MP3-Player für die Zugfahrt ist ohnehin Geschichte. Gedruckte Wanderkarten oder -führer werden überflüssig.
Ohne auf etwas verzichten zu müssen, lassen sich ganze Regale voller Bücher, Musik und Filme einfach abschaffen. Von meinen Großeltern besitze ich noch einen Ordner über ihre Bergtouren mit kurzen Berichten, Fotos, Hüttenstempel und Ansichtskarten. Führt jemand sein Tourenbuch heutzutage noch auf Papier? Vieles, was an dingliche Medien gebunden war, ist in die digitale Welt abgewandert.

Die Lebensdauer der Gegenstände ist wichtiger als ihre Anzahl

Von David Michael Bruno stammt die Idee, mit hundert Gegenständen auszukommen. Viele strenge Minimalisten orientieren sich an dieser Herausforderung. Die Grundidee dahinter ist zwar lobenswert, doch für die meisten Menschen ist sie nicht praxistauglich. Selbst als wenig ambitionierter Bergsportler habe ich allein für dieses Hobby bereits die hundert Gegenstände zusammen. Sicher, manches benötige ich eher selten – meine Schneeschuhe beispielsweise oder den Steinschlaghelm. Doch spontane Unternehmungen wären kaum möglich, müsste ich mir das jedes Mal vorher ausleihen. Anderes, wie mein Fernglas, wäre notfalls ganz verzichtbar. Aber was hätte ich davon? Ein allzu spartanisch gepackter Rucksack ist auch keine Lösung. Dennoch ist eine gewisse Fokussierung essenzieller Bestandteil im Minimalismus. Verzettelt man sich zu sehr zwischen unterschiedlichen Outdoor-Sportarten, sammeln sich viele Ausrüstungs­gegenständen an, die nur selten zum Einsatz kommen.

Ich nehme an, dass strenge Minimalisten nicht Trinkflaschen in verschiedenen Größen besitzen, sondern auf Einwegflaschen zurückgreifen. Statt den Kaffee im Thermobecher mitzunehmen, wird er wohl im Pappbecher mit Plastikdeckel gekauft. Mehr Müll zu produzieren, kann natürlich nicht der Sinn von Minimalismus sein.
Letztlich zählt nicht das, was wir gleichzeitig besitzen. Entscheidend ist der Ressourcen­verbrauch über ein ganzes Menschenleben betrachtet. Bei einer Weltbevölkerung von über sieben Milliarden macht es einen großen Unterschied, ob Smartphones alle paar Jahre, jedes zweite Jahr oder sogar jährlich ausgetauscht werden.
Um wirklich den Ressourcen­verbrauch zu reduzieren, die Umwelt zu schonen und gleichzeitig Geld zu sparen, muss man nicht nur weniger besitzen, sondern das wenige auch seltener ersetzen. Auf keinen Fall sollte der Minimalismus zu einer vermehrten Verwendung von Einwegprodukten führen.

Spätestens wenn es um Sicherheits- und Notfall­ausrüstung geht, muss mit dem Minimalismus Schluss sein. Es gibt Gegenstände, die man hoffentlich sein ganzes Leben niemals benötigt – besitzen sollte man sie trotzdem. Sind sie abgelaufen oder nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik werden sie ersetzt und wandern ohne schlechtes Gewissen in den Müll.

Freizeit statt Besitz

Neben einem verminderten Ressourcen­verbrauch ist ein Mehr an Freizeit das zentrale Motiv für ein minimalistisches Leben. Dies soll dadurch erreicht werden, dass man erstens weniger Geld verdienen muss und zweitens nicht mehr so stark von seinem Besitz in Anspruch genommen wird. Letzteres ist allerdings differenziert zu betrachten. Wer in einer kleinen Wohnung lebt und kein eigenes Auto besitzt, kann so durchaus etwas Zeit einsparen. Regale auszumisten schafft dagegen zwar Platz, bringt jedoch nichts in puncto Freizeit. Am meisten ist naturgemäß durch eine reduzierte Arbeitszeit herauszuholen – so weit es eben die persönlichen Verhältnisse zulassen. Meine eigene Erfahrung damit ist sehr gut. Bevor man diesen Schritt unternimmt, ist es außerdem sinnvoll, typische Zeitfresser wie soziale Medien, Fernsehen usw. genauer unter die Lupe zu nehmen.

Obwohl ich selbst nur einen Minimalismus light praktiziere, hilft mir dieser, die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung meiner Touren mit mehr Ruhe angehen zu können als früher. Nebenbei bleibt genug Muße, um mich ausgiebig diesem Blog sowie der Mitarbeit bei OpenStreetMap zu widmen. Klar ist aber auch, dass in einer Welt unerschöpflicher Möglichkeiten, die gewonnene Freizeit permanent verteidigt werden muss, sonst ist man bald wieder da, wo man zuvor war.