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Luxusjacken

Funktionsbekleidung zwischen Lifestyle und Umweltschutz

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Niemals in der Menschheitsgeschichte wurde so wenig Zeit im Freien verbracht wie heutzutage. Vor Verbreitung des Autos legten unsere Vorfahren pro Tag durchschnittlich mehrere Kilometer zu Fuß zurück. Davon sind nur noch einige Hundert Meter übrig geblieben. Und auf diesen möchten wir mit funktioneller Outdoorkleidung vor jeder Unbill des Wetters optimal geschützt sein.

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Die Anzahl der Outdoor-Marken ist unübersichtlich geworden.
Einst fristeten Wanderklamotten ein trauriges Schattendasein in verstaubten Kaufhausecken. Doch das ist schon lange Geschichte. Die Outdoorausrüster lernten von anderen Sparten, dass sich Sportbekleidung gut als Lifestyle vermarkten lässt! Mit teuren Hochglanz-Kampagnen, coolen englischen Namen und Extrembergsteigern als Werbeträgern wurde der Konsum kräftig angekurbelt. So wie die wenigsten Turnschuhe oder Jogginghosen tatsächlich im Sport eingesetzte werden, sehen auch die meisten Outdoorjacken selten einen Wald von innen oder einen Berg von oben. Urban Outdoor lautet das Motto. Salonfähige Funktionsbekleidung wird auf dem Weg ins Büro oder beim Spaziergang durch den nahen Park getragen. Besonders Großstadtbewohner umgeben sich gerne mit einem naturnahen Flair, was Firmen wie The North Face oder Jack Wolfskin Millionengewinne beschert.

Teures Outdoorfeeling für den Alltag

Der Massenabsatz im Outdoorgeschäft beschleunigt die technische Entwicklung und beschert uns Jahr für Jahr eine große Auswahl an schicken Produkten. Doch als Bergsportler profitiert man nur teilweise von diesem Trend. Denn ein Fleecepulli, der nicht nur wärmt, sondern zugleich das passende Outdoorfeeling mitliefert, kostet entsprechend mehr. Die Werbespezialisten sprechen geschickt unsere Sehnsüchte nach Freiheit, Abenteuer und Naturverbundenheit an. Diese modernen Illusionen können dann mit dem Kauf aufwändig designter Profibekleidung ein Stück weit in Alltag und Freizeit inszeniert werden. Selbst das Einkaufserlebnis wird mit einer entsprechend luxuriösen Ladenausstattung zum Outdoorausflug hochstilisiert.
Dass der Funktionsumfang vieler Produkte den tatsächlichen Bedarf von Wanderern und Bergsteigern weit übertrifft, stört offenbar kaum jemanden. Dies führt teils zu kuriosen Begegnungen, wenn an den Bergstationen von Brauneck oder Wendelstein die Seilbahnfahrer mit steigeisenfesten Schuhen und Hochtourenjacken herumstolzieren.

Gut ausgerüstet ohne Overkill

Die Anzahl ihrer Tourentage sieht man einigen bereits von Weitem an. Neulinge scheinen manchmal direkt aus dem Schaufenster eines Sportgeschäfts gesprungen zu sein und beeindrucken mit einem trendigen Äußeren. Hermann von Barth würde sich wohl beim Anblick so manch eines bunten Hightech-Wanderers verwundert die Augen reiben. Alte Hasen kommen dagegen eher mit ihren abgetragenen und liebgewonnenen sieben Sachen daher und wissen besser, was sie tatsächlich benötigen. Wer über Erfahrung und Können Hunderter Tourentage verfügt, muss nicht mehr mit seinem Outfit glänzen und lässt sich nicht so leicht übertriebene oder unsinnige Ausrüstungsgegenstände andrehen.
Ein Paradebeispiel für nutzloses Equipment, das rein der Umsatzsteigerung dient, sind Zustiegsschuhe. Nicht immer sind die raffinierten Marketing-Tricks allerdings so leicht zu durchschauen. Wer findet es nicht toll, dass Jacken und Hosen ultralight, äußerst robust, schmutzabweisend, hoch atmungsaktiv und zugleich über viele Stunden absolut wasserdicht sind? Leider können derartige Eigenschaften bislang nur unter Einsatz von giftiger Chemie erreicht werden. Sowohl beim Waschen als auch beim Nachimprägnieren und zuletzt durch die Entsorgung im Hausmüll können bedenkliche Substanzen in die Umwelt gelangen. Zwar ist ein Wetterschutz unverzichtbarer Bestandteil jeder Outdoorausrüstung, aber er muss in den allermeisten Fällen nicht auf extremste Anforderungen und Bedingungen ausgelegt sein. Ohne fühlbare Beeinträchtigung lassen sich mit etwas weniger Performance Geldbeutel und Umwelt zugleich schonen.

Sind Funktion und Umweltschutz vereinbar?

Es ist schwer zu überblicken, inwieweit die Bemühungen der Bergsportausrüster in Bezug auf Nachhaltigkeit einer echten Überzeugung entspringen. Der Begriff wird von der Industrie stark überstrapaziert und ist häufig nur eine Marketingstrategie. Gewinnorientierte Unternehmen sind keine Umweltschutzorganisationen. Selbst wenn man Biobaumwolle, Bambusfaser und recycelte Fleecestoffe einsetzt oder irgendwo Bäume pflanzt, wirklich nachhaltig sind die Produkte trotzdem nicht. Greenpeace findet bei seinen regelmäßigen Untersuchungen noch immer umweltschädliche polyfluorierte Chemikalien (PFC) in hoher Konzentration.
Alternativen werden wohl nur entwickelt werden, wenn der Druck von Seiten der Verbraucher wächst. Allerdings verhält es sich oft so, dass die vermeintliche Alternative für eine bekanntermaßen toxische Substanz keineswegs besser ist, sondern nur weniger Studien zu ihrer Gefährlichkeit existieren. Mensch und Natur dienen als Versuchsobjekte.
Immerhin ist mit der zunehmenden Verwendung recycelter Rohstoffe ein erster Schritt getan. Eine völlig umweltneutrale Funktionsbekleidung ist aber in jedem Fall eine Wunschvorstellung. Wichtig ist deshalb, nur das zu erwerben, was ganz sicher benötigt wird und es zu verwenden, bis es auseinanderfällt. Am besten greift man auf robuste und langlebige Produkte ohne modischen Schnickschnack zurück. Bei Deuter, Hanwag, Patagonia und anderen Markenherstellern ist übrigens eine fachgerechte Reparatur problemlos möglich. Außerdem sollte bei Hardshells allzu häufiges Waschen vermieden werden. Schließlich wird das Zeug bei der nächsten Tour sowieso wieder schmutzig. Nicht zuletzt kann Kunstfaser gut wiederverwertet werden und muss nicht im Restmüll landen. Manche Hersteller bieten eine Rücknahme an. Oder man gibt ausgemusterte Kleidung bei einer Textil-Sammelstelle von FAIRwertung ab.