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Faszination Berg

Die Geschichte des Alpinismus (Peter Grupp)

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Faszination Berg: Die Geschichte des Alpinismus ist ein großer Gewinn für die Alpinliteratur. Peter Grupp bietet damit historisch interessierten Bergsteigern erstmals ein umfassendes Standardwerk, das noch lange seine Gültigkeit bewahren wird. Sicher kein Buch für die sensationshungrigen Massen, aber ein echter Lichtblick in einem oft von mittelmäßigen Autoren geprägten Genre.

Inhalt

  1. Von Wissenschaftlern und Bergsteigern
  2. Zwei Jahrhunderte Alpinismus

Bergsteigen ist Leidenschaft, Abenteuer und individuelles Erleben. Dies zeigt sich nirgends deutlicher als an den einschlägigen Veröffentlichungen. Mal abgesehen von der reinen Führerliteratur geht es in den meisten Büchern vorwiegend um persönliche Erfahrungen, ja nicht selten um Selbstdarstellung. Im Einerlei der Autobiografien und Expeditionsberichte sind literarische Überraschungen selten. Profibergsteiger können eben häufig besser klettern als schreiben. Umso erfreulicher ist es, dass Peter Grupp, selbst sowohl Bergsteiger als auch Historiker, eine objektive Darstellung auf hohem wissenschaftlichen Niveau unternimmt.

Inhaltlich werden sich überwiegend alpinistisch und geografisch vorgebildete Leser angesprochen fühlen, die mit dem Namedropping zurechtkommen und die Anspielungen verstehen. Viele Persönlichkeiten, Berge, Ereignisse oder Publikationen werden nämlich nur exemplarisch angeschnitten.

Von Wissenschaftlern und Bergsteigern

Menschen durchstreiften von jeher die Gebirge – als Jäger, Hirten oder Schmuggler. Die gezielte Besteigung von Gipfeln als rein sportlich-touristischer Selbstzweck ist dagegen relativ jung. Beginnend mit den wissenschaftlich dominierten Unternehmungen des 18. Jahrhunderts spannt Grupp einen weiten Bogen zum modernen, in viele Spielarten zersplitterten Alpinismus. Einschnitte und Wendepunkte, wie die Erstbesteigung des Mont Blanc (1786), die Katastrophe am Matterhorn (1865), die Weltkriege und die Überwindung des technischen Kletterns werden eingehend erläutert. Erstaunlich sind die Parallelen zwischen der Entwicklung in den Alpen und der darauffolgenden im Himalaya, dem Karakorum und den anderen großen Gebirgen der Welt. Die Pioniere waren jeweils überwiegen Naturforscher und Geografen, die nur nebenbei aus wissenschaftlichem Interesse Gipfel bestiegen. Doch bald rückte die Bezwingung der höchsten Gipfel in den Vordergrund. Dabei spielten persönliche Ruhmsucht und nationales Prestige eine große Rolle. Waren diese Meilensteile gesetzt, wurde mit Überschreitungen, Alleingängen und immer schwierigeren Routen nach neuen Herausforderungen gesucht – ein Prozess, der bis heute anhält und teils skurrile Blüten treibt.

Zwei Jahrhunderte Alpinismus

Im Hauptteil vertieft Grupp diesen ersten Querschnitt und erörtert das Thema in seiner ganzen Bandbreite. Er beschreibt die Entwicklung unterschiedlicher Bergsport­disziplinen, die Entstehung der Alpenvereine und den Ausbau der alpinen Infrastruktur. Die sozialen und gesellschaftlichen Schichten, aus denen sich die Alpinisten rekrutieren sowie ihre Motive und Beweggründe werden eingehend besprochen. Auch die dunkle Seite des Bergsteigens wird nicht ausgeklammert – die immensen Gefahren, die hohe Todesrate bei den Profis, zerstrittene Expeditionen und verweigerte Hilfeleistung im Höhenbergsteigen. Bei alledem behält der Autor stets den Überblick und verliert sich nicht in die Details von Erstbesteigungen oder konkreten Bergsteigerkarrieren.

Trotz der Fülle an Informationen hätten einige Bereiche noch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Gerade die große Masse der Normalbergsteiger kommt zu kurz. Schließlich hat ihr Verhalten in der Praxis die stärksten Auswirkungen – negativ wie positiv. Nicht zu vergessen stellen Sie die wirtschaftliche Basis dar, die es einer kleinen Elite erst möglich macht, vom Alpinismus zu leben. Die Kommerzialisierung des Bergsports und die damit einhergehende Zerstörung von Wildnis weltweit wird zwar eingeflochten, hätte aber ebenfalls deutlich vertieft werden können. Dem positiven Gesamteindruck tut dies indessen keinen Abbruch.

In der Summe ein wirklich umfangreiches Standardwerk, in dem man immer wieder gerne nachschlägt. Sehr erfrischend und unterhaltsam geschrieben, fern jeder Verklärung und Idealisierung.

1. Auflage 2008 Böhlau Köln 391 Seiten