Natur erleben im bayerischen und Tiroler Alpenraum • Wanderungen • Bergtouren • Ausflugstipps
  1. Artikel 
  2. Tourplanung und Sicherheit 

Zwischen Flow und Narzissmus

Die Psychologie des Bergsteigens (Manfred Ruoß)

(4)

So schonungslos hat noch kein Alpinautor die Welt des Extrembergsteigens entzaubert! Für den Psychologen Manfred Ruoß sind Bergsteiger, die extreme Risiken eingehen, keine Helden, sondern Narzissten. Ein psychisch gesunder Mensch würde niemals sein Leben aufs Spiel setzen, nur um sich Anerkennung und Bewunderung zu verschaffen. Aktualisiert am

Inhalt

  1. Bergsteigerbiografien
  2. Das Leid der Angehörigen
  3. Das eigene Tun überdenken
  4. Trotz handwerklicher Mängel sehr lesenswert
Wie bereits im Titel anklingt, setzt sich Manfred Ruoß in seiner Psychologie des Bergsteigens mit zwei sehr gegensätzlichen Motivations­strängen auseinander.
Einerseits beschreibt er das Flow-Erleben, bei dem man völlige im eigenen Tun aufgeht und sich vom EGO befreit. Voraussetzung dafür ist, dass eine Aufgabe mit großer Hingabe und Konzentration verrichtet wird – wie ein Kind, das sich völlig in seinem Spiel verliert. Besonders Kletterer berichten häufig von diesem Gefühl der Ichlosigkeit.
Andererseits stehen gerade die Berufsbergsteiger in einer ständigen Konkurrenzsituation. Sponsoren und Medien hungern nach Sensationen und hofieren Menschen mit kompromisslosem Leistungshandeln. Dass diesem eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu Grunde liegen kann, wird dabei übersehen. Ob ein Narzisst das Bergsteigen oder eine andere Tätigkeit als Strategie zur Selbstwertstabilisierung wählt, ist nach Ruoß einer zufälligen Konstellationen geschuldet. Die inneren Probleme bleiben selbst bei großen Erfolgen ungelöst. Selbstausbeutung, suchtähnliches Verhalten und innere Lehre sind die Folgen. Schreckliche Erlebnisse können zu einer Traumatisierung führen. Viele bezahlen letztendlich mit dem Bergtod.

Bergsteigerbiografien

Im Hauptteil analysiert Ruoß auf Basis seiner Thesen eine Reihe von Bergsteigerbiografien. Darunter viele bekannte Namen wie Hermann Buhl, Reinhard Karl oder Ueli Steck. Wie der Autor zugibt, ist die Auswahl eher willkürlich. Sein Kriterium ist das Vorhandensein einer vom Alpinisten selbst verfassten oder autorisierten Veröffentlichung. Ruoß fasst das Leben der ausgewählten Personen jeweils auf wenigen Seiten treffsicher zusammen und beleuchtet Aspekte, die dem psychologischen Laien entgehen würden. Die einzige Frau in der Runde ist Gerlinde Kaltenbrunner. Frauen haben es schwer, sich in der von Männern dominierten Bergsteigerszene zu behaupten. Wir kennen das auch aus anderen Gesellschaftsbereichen. Frauen sind außerdem generell risikoaversiver.

Das Leid der Angehörigen

Das Kapitel über die Partner und Angehörigen hat mich persönlich am stärksten bewegt. Ehefrauen und Kinder leiden sehr darunter, wenn Väter immer wieder aufbrechen, um in den Bergen der Welt ihr Können unter Beweis zu stellen. Das Familienleben muss meist komplett von der Partnerin gestemmt werden. Stets mit der Ungewissheit, wie die aktuelle Expedition ausgehen wird. Kaum zurück planen die alltagsuntauglichen Helden das nächste Projekt. Da bleibt nicht viel Zeit, sich um die eigenen Kinder zu kümmern. Die Todesrate bei Extrembergsteigern ist hoch. Oft werden die Körper nicht gefunden oder können nicht geborgen werden. Zurück bleiben Witwen und Waisen, die neben Verzweiflung und Wut oft auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben.

Das eigene Tun überdenken

Ruoß warnt alle Normalos eindringlich davor, die Handlungsmuster der Extremen kritiklos und wie selbstverständlich auf ihr eigenes Tun zu übertragen. Ein Gesundheitsrisiko um des Erfolges willen ist für einen Freizeitalpinisten eigentlich nicht akzeptabel. Richtig betrieben bereichert das Bergsteigen das Leben und stärkt die Gesundheit. Innere Konflikte kann es aber nicht lösen. Das bergsteigerische Tun trägt kaum zur Persönlichkeitsbildung bei. Niemand reift am Berg zu einem besseren Menschen heran.

Trotz handwerklicher Mängel sehr lesenswert

Manfred Ruoß richtet sich nicht an die psychologische Fachwelt. Sein Buch ist populärwissenschaftliche geschrieben und zielt auf die Bergsportszene ab. Die psychologischen Ausführungen lockert er mit Anekdoten aus dem eigenen Bergsteigerleben auf. Diese erhöhen zwar den Unterhaltungswert, tragen aber kaum etwas zum Thema bei. Eigentlich eher typisch für die nordamerikanische Literatur. Ohne dieses Beiwerk wären wohl nicht genügend Seitenzahlen zusammengekommen.
Alle beschriebenen Bergsteiger werden wie gesagt auf Basis ihrer Veröffentlichungen behandelt. Für historische Persönlichkeiten ist dies eine legitime Vorgehensweise. Manfred Ruoß übernahm leider keinen Versuch, aktive Extrembergsteiger persönlich zu ihrer Motivation zu befragen oder wenigstens schriftlichen Kontakt herzustellen. Diese Ferndiagnose darf nicht mit einer fundierten psychologischen Forschung verwechselt werden, für die eine repräsentative Gruppe hätte untersucht werden müssen.
Stattdessen untermauert der Autor seine durchaus stichhaltigen Thesen mit passenden Zitaten aus der Bergsteigerliteratur. Ich bezweifle, dass hierbei ergebnisoffen recherchiert wurde.

Obwohl das Buch wissenschaftlichen Standards nicht ganz genügt, trägt es doch viel Erhellendes zum immerwährenden Rätsel nach Sinn und Zweck des Bergsteigens bei. Die psychologische Sichtweise ist ein weiterer Mosaikstein für das Verständnis, warum Menschen ihr Leben riskieren, um auf einen Gipfel zu gelangen.

1. Auflage 2014 Huber Bern 282 Seiten