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Die Farben der Berge

Rote Wände, schwarze Wälder und weiße Bäche

(aktualisiert am )

Farbbezeichnungen für Berge und Gewässer kommen im alpinen Raum relativ häufig vor. Auf den ersten Blick scheinen diese oft selbsterklärend zu sein. Trotzdem lohnt es sich, den einzelnen Farben einmal auf den Grund zu gehen. Denn warum eigentlich ist eine Felswand rot, ein Berg schwarz oder ein Bach weiß?

Grundwort und Bestimmungswort

Flurnamen setzen sich in der Regel aus einem Grundwort und einem Bestimmungs­wort zusammen. Im Flurnamen Schwarzenberg beispielsweise ist schwarz das Bestimmungs­wort und Berg das Grundwort. Mitunter werden Grundwort und Bestimmungs­wort auch getrennt geschrieben, wie bei der Weißen Traun.
Farbbezeichnungen in Flurnamen sind immer Bestimmungs­wörter. Um diese soll es im Folgenden gehen.

Auf den Ursprungsort des Farbnamens kommt es an

Alte Landkarten, wie die Bayerischen Landtafeln von Philipp Apian, können bei der Flurnamen­recherche hilfreich sein. Datenquelle: Bayerische Staatsbibliothek (CC BY-NC-SA 4.0)

Bestimmungs­wörter besitzen die Tendenz, in mehreren, räumlich miteinander in Beziehung stehenden Flurnamen aufzutreten. In solchen Fällen stellt sich die Frage, welcher Flurname der erste war und worauf sich die Farbe ursprünglich bezog. Dazu ein Beispiel:
Nördlich der Gruppe von Roß- und Buchstein in den Tegernseer Bergen liegt das Schwarzeck1. Nicht weit davon entfernt gibt es ein Waldstück, das Schwarzlahner genannt wird. Und unten im Tal steht die Schwarzentennalm neben dem Schwarzenbach. Aber woher stammt das Farbwort denn nun? Vom Bach, der Alm oder doch vom Berg?
Bei der Beantwortung hilft ein Blick in die Bayerischen Landtafeln aus dem 16. Jahrhundert. Dort ist bei Kreuth ein Schwarzwalt eingetragen. Schwarzwälder sind Fichten- oder Tannenwälder. Diese wirken im Vergleich zu Laub- oder Mischwäldern besonders dunkel. Die meisten Schwarzenberge lassen sich auf diese Weise erklären.

Manchmal kann es vorkommen, dass für das Farbwort eines Flurnamens einfach kein plausibler Ursprungsort existiert. Die Rotgundspitze2 im Allgäuer Hauptkamm ist so ein Fall. In ihrem Umkreis kommt kein rotes Gestein vor. Daher vermutet der Oberstdorfer Heimatforscher Thaddäus Steiner, dass die Kartografen hier wohl etwas verwechselten oder missverstanden.

Weiße Wände und Tintenstriche

Manch eine Felswand sieht aus wie ein abstraktes Gemälde.
Bei den Gesteinen der Nördlichen Kalkalpen dominieren die Grautöne. Je nach Zusammensetzung kann das Kalkgestein aber auch recht hell aussehen, besonders wenn eine Felswand von der Sonne beschienen wird. Solche Weißen Wände gibt es unter anderem am Gottesacker­plateau, am Wendelstein und am Rauschberg.
Häufiger als diese sind allerdings die Schwarzwände. Zwar kommt von Natur aus schwarzes Gestein in den Nördlichen Kalkalpen kaum vor, doch die Gesteins­oberfläche kann auch durch chemische Prozesse oder Bakterien dunkel verfärbt werden. Vor allem die Blaualgen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie bilden an den Felswänden braune bis dunkelblaue vertikale Streifen, die landläufig als Tinten­striche bezeichnet werden. Man findet sie an schattigen Stellen, wo regelmäßig Wasser herabläuft.
Da Tintenstriche sehr verbreitet sind, gibt es auch viele Schwarzwände. Exemplarisch sei hier nur die Schwarzwand3 am Breitenstein erwähnt.

Falscher Marmor

Das Felsenbad auf Schloss Hohenschwangau wurde direkt in den bunten Jurakalk geschlagen.
Die farben­prächtigsten Gesteine der Nördlichen Kalkalpen entstanden im Jura. Teilweise ähneln sie sogar dem echten Marmor. Je nach Herkunft spricht man deshalb vom Mittenwalder, Tegernseer oder Ruhpoldinger Marmor. Die meist rote Färbung ist auf Eisenoxid zurückzuführen. Bunte Jurakalke fanden in vielen Kirchen und Schlössern als Marmorersatz Verwendung. Die Natursteine in der Barockkirche St. Mang in Füssen etwa stammen unter anderem aus der Rotwand4 am Schwarzenberg.
Seltener, dafür aber umso auffälliger, sind rote Gesteine aus der Trias. In den Berchtesgadener Alpen gibt es einige Aufschlüsse. Bekannt ist vor allem der Rotofen5 im Lattengebirge. Die rötliche Färbung fällt selbst aus einiger Entfernung noch deutlich auf.

Blau und braun als Sonderfälle

Beim Blick durch das Tegernseer Tal nach Süden auf die Blauberge6 wird sofort klar, wie dieses kleine Gebirgsmassiv zu seinem Namen kam. Verantwortlich dafür, dass Berge in der Ferne blau erscheinen, ist die Rayleigh-Streuung. Diese beschreibt den Effekt, dass blaues Licht durch die Luftmoleküle besonders stark gestreut wird. Die Distanz vom Tegernsee zu den Blaubergen reicht für eine sichtbare Wirkung der Rayleigh-Streuung aus. Im Süden gibt es keine Ortschaft, von der ein ähnlich weiter Blick auf die Blauberge möglich wäre. Dass die Benennung von Norden her erfolgte, lässt sich auch aus den Landkarten ableiten. Denn der Name wird seit jeher über der zerklüfteten Nordflanke und nicht etwa über der Südseite eingetragen.
Neben zahlreichen alpinen Flurnamen mit dem Bestimmungswort grün, findet sich gelegentlich auch die Farbe braun. Lawinen können mit ihrer Wucht die empfindliche, alpine Grasdecke leicht aufreißen, so dass sich die Hänge braun färben. Früher war das am Brauneck7 bei Lenggries der Fall. Bedingt durch das Skigebiet passiert das heute nicht mehr.

Farben zur Differenzierung von Flussläufen

Flüsse und Bäche werden meistens von ihrem Unterlauf her benannt. Spaltet sich ein Fluss am Oberlauf auf, werden die beiden zusammenfließenden Arme manchmal anhand von Farben unterschieden. Bei Siegsdorf8 spaltet sich beispielsweise die Traun in die Rote und Weiße Traun auf. Ebenfalls als rot uns weiß werden die beiden Oberläufe der Valepp9 bezeichnet. Üblich sind auch Antonyme wie Schwarzbach und Weißbach. Nun sind bei Zusammenflüssen tatsächlich oft unterschiedliche Färbungen erkennbar. Allerdings können diese wetterbedingt variieren. Darüber hinaus können menschliche Eingriffe durch Regulierungen und Verbauungen zu Veränderungen führen. Ob die heutige Färbung mit derjenigen zur Zeit der Benennung übereinstimmt, lässt sich daher schwer mit Gewissheit sagen. Wahrscheinlich beruht die Schwarz-Weiß-Malerei bei Fließgewässern ohnehin nicht auf einer auffälligen Färbung. Vielmehr diente sie dort, wo kein anderes Bestimmungswort zur Verfügung stand, der einfacheren Unterscheidung. Den etwas schneller fließenden und damit stärker schäumenden Arm bestimmte man vielleicht als weiß. Der andere war damit automatisch schwarz oder rot.