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Der Bergsturz – eine alpine Landschaftsform

Beispiele aus den Bayerischen Alpen

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In geologischen Zeiträumen gedacht sind Bergstürze nichts Außergewöhnliches. So finden sich in den Bayerischen Alpen eine ganze Reihe von Landschaften, die durch Bergstürze geformt wurden. Viele dieser Landschaften besitzen für uns heute einen besonderen Wert, denn sie sind einfach wunderschön anzusehen.

Inhalt

  1. Bergsturz versus Felssturz
  2. Ursachen
  3. Sturzmaterial zwischen Königssee und Obersee
  4. Blockschutt im Zauberwald bei Ramsau
  5. Bergsturzgelände bei Marquartstein
  6. Gefahr durch den Klimawandel

Bergsturz versus Felssturz

Der Große Friedhof unterhalb des Scheffauers im Wilden Kaiser ist ein Felssturzgelände.

Wir alle kennen das alltägliche Erosionsereignis des Steinschlags, wenn einzelne, kleinere Stücke herabfallen. An manchen Wänden poltert es fast ununterbrochen.
Brechen größere Teile heraus, spricht man von einem Felssturz. Auch wenn es extrem unwahrscheinlich ist, einen Felssturz live zu erleben, so sind diese doch eine permanente Bedrohung und durchaus häufig.
Die Hinterlassen­schaften der Felsstürze sind im Gebirge vielerorts unübersehbar. Ein schönes Beispiel, um sich die Ausmaße eines typischen Felssturzes zu verdeutlichen, ist der Große Friedhof1 im Wilden Kaiser. In dem kleinen Karkessel wachsen keine Bäume, so dass sich der Bereich gut überblicken lässt.

Bergstürze sind im Gegensatz zu Felsstürzen äußerst selten. In den Bayerischen Alpen ereigneten sich sämtliche Bergstürze in prähistorischer Zeit. Vom Felssturz unterscheidet sich der Bergsturz im Volumen. Laut einer allgemein anerkannten Definition muss dieses mindestens eine Million Kubikmeter betragen. Durch derart gewaltige Massenbewegungen werden nicht nur pittoreske Felsbrocken verstreut, sondern ganze Landschaften großflächig umgestaltet. Letzteres ist für das ungeübte Auge allerdings weniger auffällig.

Ursachen

Grundsätzlich neigen die Kalk- und Mergelgesteine der Nördlichen Kalkalpen stärker zu Massenbewegungen als die kristallinen Gesteine der Zentralalpen. Aber auch in den Kalkalpen gibt es Unterschiede. Kompakter Riffkalk beispielsweise ist weniger anfällig als gebankter Plattenkalk. Da viele der Sedimentgesteine in den Kalkalpen gebankt sind, kann in ihre Ritzen Wasser eindringen. Frostsprengung destabilisiert dann den Fels im Lauf der Zeit, bis schließlich Teile davon abbrechen.

Eine zentrale Rolle spielen zudem die Gletscher. Während der Würm-Kaltzeit steilten sie die Bergflanken auf und stützten sie gleichzeitig ab. Mit ihrem Abschmelzen hinterließen sie brüchige Felswände, was zu den vielen postglazialen Berg- und Felsstürzen führte.

Instabile Hänge können im Prinzip jederzeit in Bewegung geraten. Häufige Auslöser sind Erdbeben. Auch bei Starkregen oder Tauwetter steigt die Gefahr. Denn wenn sich Felsspalten mit Wasser füllen, kann das einen gewaltigen Druck nach außen erzeugen.

Sturzmaterial zwischen Königssee und Obersee

Wer auf dem Königssee mit dem Schiff ganz hinter bis Salet fährt, erreicht von dort aus nach kurzem Fußmarsch den wunderbaren Obersee2. Sein Ufer wird von großen Felstrümmern gesäumt. Im glasklaren Wasser lässt sich gut erkennen, dass diese bis zum Grund hinabreichen. Deshalb wurde lange vermutet, die beiden Seen wären durch einen mittelalterlichen Bergsturz voneinander getrennt worden. Laut neueren Untersuchungen besteht der Damm aber größtenteils aus Moränenmaterial. Die beiden Seen existieren in dieser Form also wohl seit Ende der Würm-Kaltzeit.
Unklar ist, ob die Sturzblöcke von einem einmaligen oder von verschiedenen Ereignissen stammen. Die verbreitete Datierung auf das Jahr 1172 erscheint jedenfalls sehr gewagt.

Blockschutt im Zauberwald bei Ramsau

Die riesigen Felsblöcke im Zauberwald sind beeindruckend.

Klarer als am Königssee ist die Lage beim Hintersee in Raumsau, wo sich ein besonders interessantes Bergsturz­gelände befindet. Am Ostende des eiskalten Sees liegen in einem Wäldchen zahllose meterhohe Felsbrocken aus Dachsteinkalk verstreut. Der touristisch motivierte Name Zauberwald3 passt perfekt. Zu Recht zählt der Zauberwald zu den schönsten Geotopen Bayerns. Märchenhaft schlängelt sich der Wanderweg am Bach entlang und zwischen den bewachsenen Blöcken hindurch. Zusammen mit dem idyllischen Hintersee ein wirklich lohnendes Ausflugsziel.

Das Material, welches den malerischen Zauberwald bildet und den Hintersee aufstaut, kam vor etwa 3500 Jahren von der Schärtenspitze über das Blaueistal herab. Wenn man bis zur Blaueishütte (DAV) aufsteigt, findet man hinter der Hütte weitere imposante Bruchstücke, die es nicht bis ins Tal schafften.

Bergsturzgelände bei Marquartstein

Blick vom Hochlerch ins Achental. Die bewaldeten Hügel im Talgrund bestehen aus Bergsturz­material.
Nicht immer lässt sich ein Bergsturz anhand großer Felsblöcke eindeutig als solcher erkennen. Das Gestein kann auch zu Kleinschutt zerfallen. Westlich von Marquartstein4 erstreckt sich eine hügelige Landschaft mit vermoorten Senken. Dabei handelt es sich um eines der größten Bergsturzgelände Bayerns. Äußerlich sieht man das der Landschaft nicht unbedingt an. Doch Aufschlüsse an Steinbrüchen erlaubten einen Blick in die Hügel und lieferten damit die Erklärung zu ihrer Entstehung.
Das Sturzmaterial stammt von der steilen Westflanke des Hochlerchs. Dieser Berg besteht vorwiegend aus Liaskalken des unteren Juras. Dieses Gestein zerbröselt und verwittert offenbar leicht, so dass zumindest oberflächlich keine größeren Blöcke zu sehen sind.

Gefahr durch den Klimawandel

Der Klimawandel destabilisiert das Hochgebirge. In Bayern ist das Wetterstein davon betroffen.

Im Zuge des Klimawandels könnten Rutschungen wieder zunehmen. Die Gipfel des Hochgebirges bestehen aus einer kompakten Masse von Fels und Eis. Milde, schneearme Winter gepaart mit heißen Sommern beschleunigen nicht nur das Verschwinden der Gletscher. Der Permafrostboden taut ebenfalls auf. Diese Veränderung ist dramatischer, wenn auch weniger offensichtlich als das Zurückweichen der Gletscher.

Der Zugspitzgipfel samt seiner ganzen Aufbauten wird nur durch den Permafrostboden stabilisiert. Dort oben baut man nicht für die Ewigkeit. Vor 3700 Jahren brach bereits einmal ein Stück von der Zugspitze ab. Seitdem klafft zwischen Zugspitze und Riffelwand eine gigantische Lücke über dem Bayerischen Schneekar. Bei diesem größten Bergsturz der bayerischen Alpen wurden mehrere Quadratkilometer mit Schutt bedeckt. Die Inseln und Buchten des Eibsees5 sowie die Trümmermassen in den umliegenden Wäldern erinnern uns noch heute daran.
Der Bergsturz vom Eibsee ereignete sich am Ende einer warmen Klimaphase, eines so genannten postglazialen Wärmeoptimums. Man kann das durchaus mit der aktuellen Lage vergleichen. Im Gebirge wird es durch den Klimawandel auf jeden Fall gefährlicher.