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Der Bergsturz – eine alpine Landschaftsform

Von Zauberwäldern und Friedhöfen

In der Natur liegen Faszination und Schrecken eng beieinander. Gerade solche Kräfte, die von uns Menschen als zerstörerisch wahrgenommenen werden und die für die unmittelbar Betroffenen eine schreckliche Naturkatastrophe darstellen, können andererseits herrliche Landschaften erschaffen. Eine dieser Kräfte ist der Bergsturz.

Der Große Friedhof unterhalb des Scheffauers im Wilden Kaiser bringt Spannung in die Landschaft und lädt zum Verweilen ein.
Wir alle kennen das alltägliche Erosionsereignis des Steinschlags, wenn einzelne Brocken herabfallen. An manchen Wänden poltert es fast ununterbrochen. Brechen größere Teile heraus, spricht man vom Felssturz. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, einen Felssturz live zu erleben, so sind diese doch eine permanente Bedrohung und relativ häufig. Hin und wieder entstehen Amateuraufnahmen, die es ermöglichen, sich eine Vorstellung von der Wucht zu machen, mit der das Gestein zu Tal donnert. Die Hinterlassenschaften sind vielerorts zu sehen. Ein schönes Beispiel für ein Felssturzgelände ist der Große Friedhof1 im Wilden Kaiser. Das Kar ist mit zahllosen Felsblöcken gespickt, was die Szenerie recht reizvoll macht.
Die Steigerung davon ist der Bergsturz, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Jahrtausendereignis darstellt. Nur wenige sind in historischer Zeit bezeugt. Vom Felssturz unterscheidet er sich im Volumen. Ab einer Million Kubikmeter an Sturzmaterial spricht man von einem Bergsturz. Auf Grund dieser enormen Masse werden nicht nur pittoreske Felsbrocken verstreut, sondern ganze Landschaften großflächig umgestaltet. Letzteres ist allerdings auf den ersten Blick weniger augenfällig.

Der geteilte See

Wer auf dem Königssee mit dem Schiff ganz hinter bis Salet fährt, erreicht von dort aus nach kurzem Fußmarsch den wunderbaren Obersee2. Sein Ufer wird von großen Felstrümmern gesäumt, die den See wie ein Staudamm absperren. Im glasklaren Wasser lässt sich gut erkennen, dass sie bis zum Grund hinunterreichen. Einst bildeten die beiden Seen einen einzigen, bis ein Bergsturz im Jahre 1172 am Südende des Königssees diese Barriere aufschüttete. So wurde der See zweigeteilt und der einzigartigen Berchtesgadener Landschaft noch ein weiteres Juwel hinzugefügt.

Im Zauberwald

Die riesigen Felsblöcke im Zauberwald sind beeindruckend.
Nur einen Katzensprung von Berchtesgaden entfernt in Ramsau am eiskalten Hintersee zeigt sich ein ähnliches Bild. Am Ostende des Sees liegen in einem Wäldchen zahllose meterhohe Felsbrocken verstreut. Der Name Zauberwald3 ist treffend. Märchenhaft schlängelt sich der Wanderweg am Bach entlang und zwischen den bewachsenen Blöcken hindurch. Nicht nur für Kinder ein echtes Highlight und zusammen mit dem Hintersee ein lohnendes Ausflugsziel.
Das Material, das den malerischen Zauberwald bildet und den Hintersee aufstaut, kam vor 3500 Jahren von der Schärtenspitze übers Blaueistal herab. Macht man sich die Mühe, zur Blaueishütte (DAV) aufzusteigen, findet man hinter der Hütte weitere imposante Bruchstücke, die es nicht bis ins Tal schafften.

Wenn der Permafrostboden auftaut

Der Klimawandel destabilisiert das Hochgebirge. In Bayern ist das Wetterstein davon betroffen.
Die Gletscher der Würm-Kaltzeit steilten die Bergflanken auf und stützen sie gleichzeitig ab. Mit ihrem Abschmelzen hinterließen sie brüchige, instabile Felswände, was zu den vielen postglazialen Berg- und Felsstürzen führte.
Durch den Klimawandel könnten diese wieder zunehmen. Die Gipfel des Hochgebirges bestehen aus einer kompakten Masse von Stein und Eis. Milde, schneearme Winter gepaart mit heißen Sommern beschleunigen nicht nur das Verschwinden der Gletscher. Der Permafrostboden unter der Oberfläche taut ebenfalls auf. Diese Veränderung ist dramatisch, wenn auch weniger offensichtlich als das Zurückweichen der Gletscher. Der Zugspitzgipfel etwa samt seiner ganzen Aufbauten wird durch den Permafrostboden stabilisiert. Dort oben baut man nicht für die Ewigkeit. Es wäre keinesfalls das erste Mal, dass ein Stück der Zugspitze ins Tal purzelte. Vor 3700 Jahren, gegen Ende der warmen Klimaphase eines postglazialen Wärmeoptimums, wurden beim größten Bergsturz der bayerischen Alpen mehrere Quadratkilometer mit Schutt bedeckt. Die Inseln und Buchten des Eibsees4 sowie die Trümmermassen in den umliegenden Wäldern erinnern uns noch heute daran.
Bergsteiger bezeichnen sich gerne als Naturliebhaber und fliegen dazu in die entlegensten Winkel der Welt. Aber auch bei vielen Unternehmungen in den Hausbergen dauert die Autofahrt fast länger als die eigentliche Tour. So fördern wir mit unserm Verhalten den Klimawandel und gefährden genau das, was wir angeblich so sehr bewundern.