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Der Weg des Holzes

Holzknechte in den bayerischen und Tiroler Alpen

So reich die Alpen auch an Holz sind, so schwer lassen sich die unzugänglichen Wälder bewirtschaften. Das galt umso mehr in früheren Zeiten, als die gefällten Bäume noch mühsam über Ziehwege, Loiten und Gebirgsbäche transportiert werden musste. Doch wie genau wurde das bewerkstelligt und wie sah der Arbeitsalltag der Holzknechte im Gebirge aus?
Stand:

Harter Alltag, karge Kost

Holzfäller bei der Arbeit mit der Zugsäge. Diese kam im Lauf des 19. Jahrhunderts in Gebrauch. Davor wurde ausschließlich mit der Axt gefällt. Datenquelle: Wikimedia Commons

Erst wenige Generationen ist es her, dass die Holzarbeit noch ganz ohne den Einsatz von Maschinen vonstattenging. Besonders hart war die Arbeit für die Holzer in den Gebirgs­regionen. Der Weg zu den oft schwer erreichbaren Einsatz­orten war weit. Dadurch waren sie gezwungen, die ganze Woche in einfachen Hütten oder Rindenkobeln fernab der Familie zu wohnen.
Der Arbeitstag begann meist schon zwischen vier und fünf Uhr Früh. Wind und Wetter ausgesetzt schufteten die Holzknechte tagein, tagaus in unwegsamem Gelände.Die Arbeitszeit betrug nicht selten über zehn Stunden.Zu essen gab es vornehmlich Muas, einen nahrhaften Brei aus Mehl mit Butter oder Schmalz. Manchmal mischten die Holzer Wildbeeren dazu. Als Kraftnahrung war das Muas sicher gut geeignet, aber auf Dauer wohl doch ziemlich eintönig.

Das Fällen von Bäumen war reine Männersache, wobei sich daran bis heute nicht wirklich viel geändert hat. Frauen arbeiteten allerdings manchmal auch im Holz, und zwar im Frühjahr als Pflanzerinnen.

Holzarbeit ist und bleibt gefährlich – trotz modernster Ausrüstung und Arbeitsschutz­bestimmungen. Früher war das Verletzungsrisiko noch weitaus größer. Im Gebirge kam erschwerend hinzu, dass die Arbeit oft in abgelegenen, nur schlecht zugänglichen Gebieten stattfand. Bis ein Schwer­verletzter von dort zu einem Arzt gebracht werden konnte, war es manchmal schon zu spät.

Ungeachtet ihres entbehrungsreichen Alltags geht aus den Berichten von Zeitzeugen hervor, dass die Holz­knechte ihrem Arbeitsleben auch gute Seiten abgewinnen konnten, zumindest im Rückblick. Aus unserer heutigen Perspektive wären die Bedingungen für die meisten von uns nahezu unerträglich. Doch die Menschen waren mit ihrem Dasein nicht unbedingt unzufriedener als wir. Verklären oder romantisieren sollte man es trotzdem nicht.

Filmtipp: Einen guten Einblick in die Arbeit der Holzknechte in früheren Zeiten bietet die Dokumentation Der Holzrücker vom Grödnertal aus der Sendung Der Letzte seines Standes? vom Bayerischen Rundfunk. Im ersten Teil geht es unter anderem um das Holzfällen und das Entrinden, im zweiten Teil um den Holztransport mit Pferden.

Holzbringung mit Riesen und Loiten

Vorführung zum Holztransport per Rutsche an der Loite im Holzknechtmuseum Ruhpolding.

In vorindustrieller Zeit erfolgte die Holzbringung im Gebirge vor allem mittels der Schwerkraft. Die heute brachial anmutenden Techniken führten zu erheblichen Schäden und Verlusten am Holz. Am Königssee beispielsweise wurden die Stämme im so genannten trockenen Holzsturz einfach von den Felswänden mehrere Hundert Meter tief in den See geworfen. Der nasse Holzsturz erfolgte über den steilen Königsbach, bekannt durch seine fotogenen Wasserfälle und Gumpen. Das sicherlich sehr beeindruckende Schauspiel konnten nicht alle Stämme unbeschadet überstehen.

Die originelle Lösung am Königssee war natürlich eher die Ausnahme. Um die Stämme möglichst geordnet und sicher über die Berghänge ins Tal zu befördern, baute man üblicherweise hölzerne Rutschen. Je nach der Bauweise heißen sie Loiten oder Riesen. Bei den einfacheren Loiten wurden lose Stämme zu einer Rinne zusammengelegt und wenn nötig seitlich abgestützt. Waren alle Stämme im Tal, baute man die Loite von oben her ab.
Holzriesen waren im Gegensatz zu den Loiten auf Dauer angelegt. Die Stämme wurden dafür in Zimmermanns­arbeit miteinander verzapft und mit Nägeln befestigt. Über oder durch Schluchten und Gräben errichtete man teilweise aufwändige Ständerbauwerke. Holzriesen waren einst weit verbreitet. Zahlreiche Bergnamen, wie die Hochries im Chiemgau oder der Große Riesenkopf bei Flintsbach am Inn erinnern noch daran.

Vor dem Beginn der maschinellen Holzfällung wurden Baumstämme grundsätzlich entrindet. So konnten sie besser übereinander­gleiten. Außerdem ließ man über die Holzrutschen Wasser fließen. Am besten funktionierten die Riesen im Winter, wenn sie mit Schnee und Eis bedeckt waren.

Holztrift auf wilden Gebirgsbächen

Der ehemalige Triftsteig durch die Gleirschklamm in Tirol dient heute als Wanderweg.

Vor der Motorisierung bildeten Fließgewässer die wichtigsten Transportwege für das Holz. Die Stämme wurden entweder lose getriftet oder zu Flößen verbunden. Auf schmalen Gebirgsbächen konnte das Holz nur getriftet werden. Hochwertiges Bauholz wurde, sobald ein Fluss breit genug, in Form von Flößen befördert, um es möglichst unbeschadet und ohne Verluste ans Ziel zu bringen. Bei der Isar war die Flößerei ab Mittenwald möglich. Das weniger wertvolle Brennholz ließ man meistens auch auf größeren Flüssen triften. Dass dabei einzelne Stämme verloren gingen, war verkraftbar.

Der Aufwand, welcher für die Trift betrieben wurde, ist beachtlich. So grub man beispielsweise quer durch die Loisach-Kochelsee-Moore einen fast fünf Kilometer langer Triftkanal, damit die Stämme nicht den Umweg durch den Kochelsee nehmen mussten.
Die meisten Gebirgsbäche führen selbst während der Schneeschmelze nicht genügend Wasser für die Trift. Abhilfe schufen Stauanlagen, die so genannten Triftklausen. Es gab sie früher fast an jedem größeren Gebirgsbach. Die meist hölzernen Klausen sind inzwischen verfallen, doch es existieren noch ein paar der steinernen, wie die Erzherzog-Johann-Klause in den Brandenberger Alpen in Tirol.

Durch Schlagen des Klausentors ließ man das Wasser in einem Schwall ab. Mit großer Wucht riss das aufgestaute Klausen­waser die angesammelten Stämme mit sich. Doch damit fingen die Probleme erst an. Denn viele Gebirgsbäche passieren enge Schluchten oder Klammen. Diese Engstellen waren für die Trift besonders problematisch. Die Stämme konnten sich darin leicht verkeilen und Verklausungen bilden. Das Lösen der Verklausungen war ein äußerst gefährliches Unterfangen.
Um überhaupt an die schwer zugänglichen Stellen in den Schluchten zu gelangen, benötigte man Triftsteige. Viele dieser oft waghalsigen Steiganlagen sind inzwischen verfallen. Doch einige blieben erhalten und wurden zu gut gesicherten Wanderwegen ausgebaut, so wie in der Gleirschklamm im Karwendel oder der Weißbachschlucht in den Chiemgauer Alpen.

Filmtipp: Ein historisches Filmdokument aus den 1960er Jahren über die Holztrift bei Maria Gern im Berchtesgadener Land verdeutlich eindrucksvoll, mit welcher Wucht das Wasser die Stämme fortreißt.

Gefährliche Fahrt mit dem Hornschlitten

Diorama mit Hornschlitten im Holzknechtmuseum Ruhpolding.

Hornschlitten kennt man heute als Sportgerät, mit dem waghalsige Rennen stattfinden. Entwickelt wurden sie ursprünglich von der Berg­bevölkerung als stabiles Transportmittel. Mit den Hornschlitten beförderten sie Heu, Brennholz und sogar ganze Baumstämme ins Tal.
Für den Transport legte man zum Teil eigene Schlittenwege, auch Ziehwege genannt, an. Ziehwege waren befestigt, besaßen im Idealfall ein gleichmäßiges Gefälle von acht bis zwölf Prozent und eine Breite von ungefähr eineinhalb Metern. Steile Kurven oder Kehren vermied man soweit möglich. Die Fahrt war ohnehin schon gefährlich genug.Der Fahrer saß vorne auf dem Schlitten und drohte bei einem Unfall von den Baumstämmen zerquetscht zu werden.Mancherorts zeugen noch Marterl davon, dass sich bei den Fahrten mit dem Hornschlitten immer wieder Todesfälle ereigneten.
Inzwischen sind viele der alten Ziehwege unter breiten Forststraßen verschwunden oder schlicht verfallen. Einige wurden natürlich auch Teil der Bergwanderwege. Ihren ursprünglichen Zweck erkennen aber wohl die meisten Wanderer nicht mehr.

Bedeutung der Holzwirtschaft für die Bauern

Bauernhäuser wurden oft komplett aus Holz gebaut.

In den meisten Bauernhof­museen oder Museums­dörfern spielen die Holz­wirtschaft und die damit verbundenen Techniken kaum eine Rolle. Dabei war Holz ein wichtiger Bestandteil der bäuerlichen Selbst­versorgung. Bauern besaßen früher zwar selten eigenen Wald, verfügten aber von alters her über umfang­reiche Nutzungs­rechte, ohne die sie die Land­wirtschaft gar nicht hätten betreiben können. Zu den gängigen Nutzungs­rechten zählten die Entnahme von Bau- und Brennholz, das Rechen von Einstreu für den Viehstall oder das Mähen von Lahnergras als Viehfutter.Nicht selten kam es zu Konflikten mit den Grundherren, weil die Bauern den Wald übernutzten oder schädigten.Für die Gewinnung von Harzpech etwa rissen sie Rindenstücke aus den Stämmen. Oder sie zerstörten junge Bäume beim Mähen von Wildheu, was die Wald­verjüngung beeinträchtigte. Selbst­verständlich war das keine böse Absicht, sondern der schieren Existenznot geschuldet.
Doch nicht nur für den Eigenbedarf hatte der Wald Bedeutung. Manche Kleinbauern fanden darin auch Lohnarbeit. Gerade die Besitzer von Kleinstanwesen, den so genannten Sölden, waren auf einen Nebenerwerb angewiesen, denn ihr Grund reichte für den Lebensunterhalt nicht aus. Die Söldner arbeiteten als Handwerker, Tagelöhner oder eben als Holzknechte.

Holzknechtmuseum Ruhpolding

Rindenkobel im Holzknechtmuseum Ruhpolding. Die Holzknechte errichteten die Kobel als Wetterschutz und Schlafplatz, wenn sie weitab der festen Stube arbeiteten.

Das Holzknechtmuseum Ruhpolding ist eines der umfang­reichsten Museen über die Geschichte und Technik der Holz­wirtschaft im Gebirge. Es kann von April bis September besucht werden. Auf dem weitläufigen Freigelände bei Laubau, einige Kilometer südlich von Ruhpolding, wird die Arbeit der Holzer, Triftknechte und Köhler wieder lebendig. Etwa zwei Dutzend historische Gebäude können besichtigt werden, darunter mehrere Winterstuben, eine Köhlerhütte, ein Almkaser und ein Bauernhof. Kein anderes Freilichtmuseum befasst sich derart detailliert mit allen Facetten der Holzwirtschaft.
Neben dem Alltagsleben der Holzer in ihren abgelegenen Behausungen geht es auch um die Holznutzung und das alpine Ökosystem Wald.

Ein weiterer Schwerpunkt im Holzknechtmuseum ist die Salinen­wirtschaft, die ohne die Chiemgauer Salinen­wälder kaum denkbar gewesen wäre. Die Salzpfannen in Bad Reichenhall und Traunstein verschlangen Unmengen an Brennholz. Durch Erhitzen der Sole, also dem gesättigten Salzwasser, wurde dort auf den mehrere Quadratmeter großen rechteckigen Pfannen Salz gewonnen.
Viele Baumstämme, insbesondere Fichten und Tannen, fanden außerdem als Deicheln für die Soleleitung von Bad Reichenhall über Siegsdorf nach Traunstein Verwendung. Die nahezu zehntausend Holzrohre mussten immer wieder erneuert werden. Ihre Herstellung erforderte großes handwerkliches Geschick. Wie das genau geschah, wird im Museum ebenfalls erklärt.

Museum Holzerhütte in Scharnitz

Das liebevoll gestaltete Museum Holzerhütte in Scharnitz ist Teil des grenzübergreifenden Interreg-Projekts Wege des Holzes, zu dem auch das Wasmeier Freilichtmuseum am Schliersee gehört. Für das Museum in Scharnitz wurde eine historische Holzerhütte aus dem entlegenen Gleirschtal vor dem Abriss gerettet und rundum restauriert wieder aufgebaut. Den Schwerpunkt der Dauer­ausstellung bildet die Holzwirtschaft im Gleirschtal. Von dort wurde das Holz durch die wilde Gleirschklamm und über die Isar nach Scharnitz getriftet. Besonders aufschlussreich sind die alten Filmdokumente über die Arbeit der Holzer und die Zeitzeugen­berichte. Einer der vier Räume befasst sich außerdem mit dem komplexen Lebensnetzwerk im Bergwald. Bitte beachten, dass das Museum im Winterhalbjahr geschlossen hat.