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Alpine Flurnamen

Woher die Berge ihre Namen haben

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Viele Bergnamen sind rätselhaft. Selbst diejenigen, welche oberflächlich betrachtet aus bekannten Wörtern bestehen, können ursprünglich etwas ganz anderes bedeutet haben. Denn die Volksetymologie führt uns leicht an der Nase herum. Und selbst wenn ein Name wörtlich zu nehmen ist, erklärt das noch nicht unbedingt seine Herkunft.

Flurnamen bergen einen gewaltigen kulturhistorischen Schatz. Sie spiegeln sowohl lokale Besitzverhältnisse und landwirtschaftliche Nutzung als auch Siedlungsgeschichte und überregionale Wanderungs­bewegungen wider. In den Flurnamen der Ostalpen sind unter anderem keltische, römische, germanische und slawische Sprachrelikte enthalten. Ohne fachkundliche Erklärung bleiben die meisten unverständlich. Aber auch mancher Bergname, der heute noch allseits verstanden wird, könnte durch das Verschwinden der bayerischen Mundart in naher Zukunft zum Fremdwort werden. Es gibt angeblich bereits Münchner Bergsteiger, die nicht mehr wissen, was Wamperter Schrofen oder Waxenstein bedeutet. In wenigen Jahrzehnten wird man hierfür einen Sprachwissenschaftler befragen müssen.

Mit dem richtigen Genus fängt es an

Regelmäßig für Verwirrung sorgen Spitz und Spitze. In der ursprünglichen, mundartlichen Form ist der Spitz [ʃpiːz] ein maskulines Bergappellativ. Es heißt also der Brecherspitz (Schliersee), der Friederspitz (Werdenfels), der Sonnenspitz (Kochel) und der Halserspitz (Blauberge). Einige Berge wurden jedoch umbenannt und an die Schriftsprache angepasst. So wurde beispielsweise der Zugspitz zur Zugspitze. Vergessen hat man dabei allerdings, dass damit das Zugspitzplatt eigentlich Zugspitzenplatt heißen müsste. Ob es wohl jemandem auffällt, dass die maskuline Form im Zugspitzplatt nicht zur femininen Zugspitze passt?
Noch weniger überraschend sind Probleme mit dem Genus, wenn der Bergname auf ein kaum mehr geläufiges Wort endet. Im Zweifelsfall wird einfach angenommen, er sei männlich. Das kann aber schief gehen. Die Hochries und die Farrenpoint etwa sind beide eindeutig feminin und werden dennoch häufig mit dem falschen Genus geschrieben.

Irreführende Volksetymologie

Holzriesen in den Alpen.Beyträge zur näheren Kenntniss des Schweizerlandes von Hs. Rudolf Schinz, Zürich 1786
Datenquelle: Forstmuseum Ballenberg

Wir neigen dazu, nicht mehr verstandene Wörter umzudeuten, indem wir sie mit klangähnlichen Wörtern in Verbindung bringen. Der Fachbegriff dafür lautet Volksetymologie. Die Rechtschreibeform wurde heftig kritisiert, weil sie sich an der Volksetymologie orientierte. Aus belemmert wurde bekanntermaßen belämmert, obwohl das etymologisch falsch ist. Naheliegende Erklärungen sollten daher immer kritisch hinterfragt werden.
Beim Anblick des Riesenbergs bei Aschau im Chiemgau oder des Riesenkopfs bei Flintsbach kann man angesichts ihrer bescheidenen Höhe schon ins Grübeln kommen. Beide sehen alles andere als riesig aus. Bei der Klärung hilft uns das Genus der bereits erwähnten Hochries auf die Sprünge. Eine Riese bezeichnet nämlich eine Holzrutsche, mit der Baumstämme zu Tal befördert werden. Diese Technik war sehr verbreitet und schlug sich in zahlreichen Flurnamen nieder.
Ein schönes Beispiel für die Volksetymologie ist die Mondscheinspitze im Karwendel. Die alternative Schreibweise Montschein kommt dem Ursprung näher, wird aber seltener verwendet. Möglicherweise steckt hinter Montschein eine Verkleinerungs­form des lateinischen Wortes mons für Berg. Romanische Namen sind im Karwendel recht häufig.
Der Igelskopf in den Miemingern basiert wohl ebenfalls auf einer volks­etymologischen Umdeutung. Verschiede ältere Schreibweisen wie Sigl, Negel und Egel sorgen für Verwirrung. Sicher ist nur, dass der Berg nichts mit dem Tier zu tun hat.

Flurnamen wandern bergauf

Bergnamen haben ihren Ursprung häufig im Tal. Denn Flurnamen wandern tendenziell eher aufwärts als abwärts. Die Suche sollte also zunächst im Tal beginnen. Manchmal ziehen sich Namen von dort über mehrere Stufen den Berg hinauf.
Am Westufer des Kochelsees liegt die Raut. Der Name kommt von reuten, einem alten Wort für roden. Die Raut ist also eine Rodungsfläche. Südwestlich der Raut befindet sich das Rauteck. Weil das Rauteck stets bewaldet war, muss der Name aus dem Tal stammen. Ein Stück oberhalb des Rautecks steht die Rauteckalm. Diese wiederum wird überragt vom Rauteckkopf.
Leider stellt sich die Sache nicht immer so einfach dar. Doch es lohnt sich, bei der Recherche auf jeden Fall im näheren Umkreis zu suchen und dabei auch alte Karten heranzuziehen.

Welche Bedeutung hatte ein Berg für die Menschen?

Beim Schinder könnten seine steilen Hänge namensgebend gewesen sein.
Manche Bergeflanken sind zu zerklüftet und felsig, als dass sie für die Almwirtschaft in Frage gekommen wären. So tauften die Bewohner von Achenkirch die nutzlose Berggruppe im Osten auf Unnutze.
Nicht weit davon entfernt liegt der Schinder in den Tegernseer Bergen. Von der Tiroler Seite heißt er Trausnitzberg und wirkt eher unscheinbar. Richtung Bayern bricht er mit hohen Felswänden ab, an die sich steile Schuttreisen anschließen. Diese kargen, mit Latschen übersäten und mühsam zu bewältigenden Hänge können als Schinder bezeichnet werden.
Umgekehrt werden Berge als schön charakterisiert, wenn sie über flache Hänge und fruchtbare Weiden verfügen. Heute denken wir bei einem schönen Berg an die Aussicht oder den Wandergenuss. Früher stand dagegen die Qualität der Weideflächen im Vordergrund. Namen wie Schönleiten (Tegelberg), Schönberg (Isarwinkel) oder Schönfeld (Spitzingsee) können so interpretiert werden.
Natürlich wurden Berge nicht nur für das Vieh genutzt. Es wurde Bergbau betrieben, Holz geschlagen, Pech gewonnen und gejagt. Entscheidend ist deshalb in vielen Fällen, welche praktische Bedeutung die Menschen früher mit einem bestimmten Berg verbanden.

Wo findet man mehr Informationen?

Die Recherche gestaltet sich oft mühsam, da viele Informationen nicht verlässlich sind. Manches wird einfach seit Langem immer wieder abgeschrieben. Dazu nur ein Beispiel. Um 1877 kam in einer Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins die Idee auf, der Geigelstein hätte etwas mit dem Bergschaf Gigal zu tun. Diese Deutung hält sich hartnäckig, obwohl Schreibvarianten wie Geyerstein und Geigerstein dagegen sprechen. Wichtig ist deshalb, keine Quelle vorschnell zu übernehmen.
Eines der wertvollsten Werkzeuge sind alte Landkarten. Die meisten sind inzwischen digital zugänglich. Unerlässlich sind außerdem Kenntnisse in den lokalen Dialekten und entsprechende Wörterbücher. Darüber hinaus ist ein gewisses heimatkundliches Basiswissen von Vorteil.
Einige Flurnamenforscher wie Heinz-Dieter Pohl, Wolf-Armin von Reitzenstein oder Thaddäus Steiner beschäftigen sich übrigens speziell mit Alm- und Bergnamen. Ihre Veröffentlichungen entsprechen dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Meine eigenen Recherche­ergebnisse trage ich im Lexikonbereich zu den Flurnamen zusammen. Diese Arbeit sollte jedoch lediglich als momentaner Zwischenstand betrachtet werden. Sie unterliegt einer ständigen Korrektur und Ergänzung.