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Alpine Flurnamen in Bayern und Tirol

Was unsere Bergnamen bedeuten

Viele Bergnamen in Bayern und Tirol sind rätselhaft. Selbst diejenigen, welche oberflächlich betrachtet aus bekannten Wörtern bestehen, bedeuteten ursprünglich vielleicht etwas ganz anderes. Die Volksetymologie kann uns da leicht an der Nase herumführen. Und selbst wenn ein Name wörtlich zu nehmen ist, erklärt das noch nicht unbedingt seine Herkunft. Veröffentlicht am (aktualisiert am )

Inhalt

  1. Sprachhistorisches Gedächtnis von Flurnamen
  2. Irreführende Volksetymologie
  3. Probleme mit dem Genus
  4. Wandernde Flurnamen
  5. Bergnamen nach der Nutzung
  6. Weiterführende Informationen
  7. Literatur

Sprachhistorisches Gedächtnis von Flurnamen

Flurnamen bergen einen gewaltigen sprachhistorischen Schatz. Sie verändern sich über die Jahrhunderte kaum, während die aktive Sprache einem steten Wandel unterworfen ist. Dadurch sind in den Flurnamen viele Wörter enthalten, die aus dem Sprachgebrauch verschwanden und deren Bedeutung in Vergessenheit geriet. Die Krutt oder Grutt beispielsweise ist so ein Wort. Es beschreibt steiniges Gelände oder felsige Berge. In alpinen Flurnamen wie Krottenkopf oder Krottental ist es mehrfach bezeugt. Verwendet wird es schon lange nicht mehr.

Zum Teil enthalten die Flurnamen der Ostalpen uralte Sprachrelikte, die bis in rätische Zeit zurückreichen. Bei Alp bzw. Alm ist das wahrscheinlich der Fall. Das Wort dürfte vorrömischen Ursprungs sein und von der rätischen Alpenbevölkerung stammen. Vermutlich bezeichnete es schon immer eine Hochweide. Die Römer lernten die Almwirtschaft bei den Rätern kennen und übernahmen dabei wohl auch einige Begriffe.

Die germanischen Siedler, die sich nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs im Alpenraum niederließen, schnappten ihrerseits wiederum von den Restromanen viele Wörter auf. Das Bayerische bildet deshalb eine stark romanisch geprägte Sprache.
Etablierte römische Ortsnamen überdauerten in der Regel die Völkerwanderung und blieben bis heute erhalten. So unter anderem Partenkirchen, das bei den Römern Partanum hieß. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass die Römer den damals vielleicht bereits vorhandenen Flussnamen der Partnach aufgriffen.

Die allermeisten alpinen Flurnamen in Bayern und Tirol kommen aus dem Alt- bis Neuhochdeutschen oder sind lokalen Dialekten entlehnt. Mit dem Verschwinden der bayerischen Mundart und insbesondere ihrer lokalen Ausprägungen wird manch ein Bergname, der vor ein paar Jahrzehnten noch allseits verstanden wurde, zum Fremdwort. Die Bedeutung von Wamperter Schrofen dürfte wohl den meisten noch klar sein, aber bei Miesing oder Waxenstein tun sich selbst Mundartsprecher bereits schwer. In wenigen Jahrzehnten kann sie wahrscheinlich nur noch ein Sprachwissenschaftler erklären.

Irreführende Volksetymologie

Das Zundereck im Estergebirge wurde nach seiner Vegetation benannt. Im bayerischen Alpenraum heißen Latschen nämlich auch Zundern.

Wir neigen dazu, unverständliche oder von ihrer Herkunft her unklare Wörter mit klangähnlichen Wörtern in Verbindung zu bringen. Der Fachbegriff dafür lautet Volksetymologie.
Die Rechtschreibeform wurde heftig dafür kritisiert, dass sie sich zum Teil an der Volksetymologie orientierte. So wurde etwa belemmert in belämmert geändert. Sprach­geschichtlich hat das Adjektiv nichts mit den Lämmern zu tun, wird aber in der Sprachpraxis so verstanden. Bekannte Beispiele für die Volksetymologie sind außerdem die Armbrust, welche sich vom lateinischen arcuballista ableitet oder die Hängematte, die auf das haitianische hamaca zurückgeht. Obwohl beide Wörter deutsch klingen, sind sie es nicht.
Bei Flurnamen sind volksetymologische Umformungen besonders häufig. Naheliegende Erklärungen sollte man daher immer kritisch hinterfragen.

In den Bayerischen und Tiroler Alpen gibt es einige Bergnamen mit dem Bestimmungswort Zunder oder Zunter. Man könnte geneigt sein, bei diesen Bergen an ein Brandereignis oder eine Brandrodung zu denken. In Wirklichkeit sind mit Zuntern entweder Latschen oder gelegentlich auch Alpenrosen gemeint. Um Weideland zu gewinnen, wurden Latschen und Zwergsträucher zwar tatsächlich gerne abgebrannt, doch ob die Wortherkunft damit zusammenhängt, bleibt ungewiss.

Ein weiteres schönes Beispiel für das Problem der Volksetymologie ist die Mondscheinspitze im Karwendel. Die alternative Schreibweise Montschein kommt dem Ursprung näher, wird aber seltener verwendet. Möglicherweise steckt hinter Montschein eine Verkleinerungs­form des lateinischen mons für Berg. Romanische Namen sind im Karwendel ohnehin recht verbreitet.

Der Igelsee und der Igelskopf im Mieminger Gebirge beruhen eindeutig auf einer volks­etymologischen Umdeutung. Verschiede ältere Schreibweisen wie Sigl, Negel und Egel sorgen für Verwirrung. Sicher ist nur, dass der Berg nichts mit dem stacheligen Tier zu tun hat. Doch trotz dieser Erkenntnis fällt es sichtlich schwer, bei der Nennung des Namens nicht an einen Igel zu denken.

Probleme mit dem Genus

Holzriesen in den Alpen.Beyträge zur näheren Kenntniss des Schweizerlandes von Hs. Rudolf Schinz, Zürich 1786
Datenquelle: Forstmuseum Ballenberg

Das richtige Genus von Flurnamen bereitet mitunter Kopfzerbrechen. Besonders viele nicht mehr geläufige Wörter kommen bei den Bergappellativen vor.
Im Zweifelsfall wird die maskuline Form bevorzugt. Manchmal stimmt das, wie beim Tauern oder dem Riedel. In anderen Fällen, wie bei der Farrenpoint im Wendelsteingebiet oder der Hochries in den westlichen Chiemgauern, dagegen nicht.
Point und Ries sind natürlich keine üblichen Bergappellative. Point bedeutet ein eingezäuntes, dem allgemeinen Viehtrieb entzogenes Privatgrundstück. Eine Riese ist eine Holzrutsche, mit der Baumstämme zu Tal befördert werden. Diese Technik der Holzbringung war sehr verbreitet und schlug sich in zahlreichen Flurnamen nieder. Allein in den Bayerischen Alpen gibt es bei Flintsbach am Inn und im Priental jeweils einen Riesenkopf.

Eines der häufigsten Bergappellative ist die Spitze. Die ursprüngliche mundartliche Form Spitz [ʃpiːz] ist aber maskulin. Es heißt also der Brecherspitz (Schliersee), der Friederspitz (Werdenfels) und der Halserspitz (Blauberge).
Einige touristisch interessante Berge wurden an die Schriftsprache angepasst. So wurde unter anderem der Zugspitz zur Zugspitze. Vergessen hat man dabei allerdings, dass dann das Zugspitzplatt eigentlich Zugspitzenplatt heißen müsste. Ob es wohl jemandem auffällt, dass die maskuline Form im Zugspitzplatt nicht zur femininen Zugspitze passt?

Wandernde Flurnamen

Um einen Alm- oder Bergnamen zu deuten, muss man mitunter seinen geografischen Ursprung lokalisieren. Weil Flurnamen tendenziell eher bergauf als bergab wandern, sollte die Suche zunächst im Tal beginnen. Manchmal ziehen sich Namen von dort über mehrere Stufen den Berg hinauf.
Am Westufer des Kochelsees beispielsweise liegt die so genannten Raut. Der Name kommt von reuten, einem alten Wort für roden. Die Rodungsfläche der Raut wird als Grünland genutzt. Südwestlich der Raut befindet sich das Rauteck. Weil das Rauteck stets bewaldet war, muss der Name aus dem Tal stammen. Ein Stück oberhalb des Rautecks steht die Rauteckalm. Diese wiederum wird überragt vom Rauteckkopf.
Selbstverständlich stellt sich die Sache nicht immer so einfach dar. Doch es lohnt sich, bei der Recherche auf jeden Fall im näheren Umkreis und insbesondere im Tal zu suchen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, welcher Berg zu welchem Talort gehört und wie die alten Viehtriebe verliefen.
So hat der Buchstein in den Tegernseer Bergen seinen Namen von dem einige Kilometer entfernten Bad Wiesseer Ortsteil Buch, weil die Bauern von dort ihr Vieh auf die Bucheralm trieben.

Bergnamen nach der Nutzung

Beim Schinder könnten seine steilen Hänge namensgebend gewesen sein.

Die Namen von Bergen, Almen und Wäldern spiegeln neben den Besitzverhältnissen, der Witterung, der Flora und der Fauna auch ihre Nutzung wieder. Manche Bergeflanken sind aber viel zu zerklüftet und felsig, als dass sie eine wirtschaftliche Bedeutung gehabt hätten. So tauften die Bewohner von Achenkirch beim Achensee die nutzlose Berggruppe im Osten des Orts auf Unnutze.
Nicht weit von Achenkirch entfernt liegt zwischen Bayern und Tirol der Schinder in den Tegernseer Bergen. Von der Tiroler Seite heißt er Trausnitzberg und wirkt eher unscheinbar. Richtung Bayern bricht er mit markanten Felswänden ab, an die sich steile Schuttreisen anschließen. Diese abweisenden Hänge werden mit dem Wort Schinder treffend charakterisiert.
Überaus häufig werden Fluren im Gebirge mit dem Bestimmungswort wild versehen. Man denke nur an die Bayerische Wildalm (Blauberge), den Wildbarren (Oberaudorf) oder den Wilden Kaiser. Man darf das nicht im touristischen Sinne als wildromantisch verstehen. Wild bedeutet in hier so viel wie nutzloses Ödland.

Umgekehrt werden Berge als schön bezeichnet, wenn sie über flache Hänge und fruchtbare Weiden verfügen. Heute denken wir bei einem schönen Berg an das Gipfelpanorama oder den Wandergenuss. Früher stand dagegen die Qualität der Weideflächen im Vordergrund. Namen wie Schönleiten (Tegelberg), Schönberg (Isarwinkel) oder Schönfeld (Spitzingsee) können so interpretiert werden.

Natürlich werden Berge nicht nur als Hochweide genutzt. Ob Bergbau, Holzwirtschaft oder Jagd, alle menschlichen Aktivitäten im Gebirge hinterließen ihre Spuren in den Flurnamen. Entscheidend ist deshalb zu verstehen, welche praktische Bedeutung die Menschen früher mit einem bestimmten Berg verbanden.

Weiterführende Informationen

Die Recherche zu Flurnamen gestaltet sich generell sehr mühsam. Wenn zu einem Namen überhaupt Deutungs­vorschläge existieren, sind diese oft nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert. Manchmal gibt es auch widersprüchliche Interpretationen. Letztlich liegt es in der Natur der Sache, dass es nicht immer eine eindeutige, zweifelsfreie Antwort geben kann.

In den Zeitschriften des Deutschen Alpenvereins aus dem 19. Jahrhundert werden viele alpine Flurnamen erklärt. Modernen Standards hält das populär­wissenschaftliche Niveau dieser Beiträge nicht stand. Eine gewisse Grundskepsis ist daher angebracht. Die Deutungen können nicht mehr als einen ersten Anhaltspunkt bieten, werden aber oft bis heute unreflektiert abgeschrieben. In einer Alpenvereins­zeitschrift aus dem Jahr 1877 wurde zum Beispiel die These vertreten, der Geigelstein im Chiemgau wäre von dem Bergschaf Gigal abzuleiten. Diese These hält sich hartnäckig, obwohl Schreib­varianten wie Geyerstein und Geigerstein dagegen sprechen.
Ältere Literatur kann trotzdem wertvolle Hinweise liefern, gerade wenn es um Begriffe aus der Almwirtschaft geht, die inzwischen in Vergessenheit gerieten.

Zu den wichtigsten Dokumenten bei der Erforschung von Flurnamen gehören historische Landkarten. Bei der Bayerischen Landesbibliothek und in den historischen Kartenwerken Tirols ist eine große Zahl von Karten online zugänglich.
Die Beschäftigung mit Flurnamen erfordert außerdem Kenntnisse in den jeweiligen Dialekten. Ein unverzichtbares Standardwerk für den bayerischen Sprachraum bildet bis heute das mehrbändige Bayerische Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller.

Einige Flurnamenforscher wie Heinz-Dieter Pohl, Wolf-Armin von Reitzenstein oder Thaddäus Steiner beschäftigen sich speziell mit Alm- und Bergnamen. Ihre Publikationen entsprechen dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Ich selbst veröffentliche regelmäßig meine eigenen Recherche­ergebnisse. Diese Arbeit sollte jedoch lediglich als momentaner Zwischenstand betrachtet werden. Sie unterliegt einer ständigen Korrektur und Ergänzung.

Literatur