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Initiative AgrarKulturerbe

Bestandsaufname und Geschichte der oberbayerischen Almen

Wer sich mit der Almwirtschaft in Bayern befasst, für den ist die Initiative AgrarKulturerbe eine der wichtigsten Quellen überhaupt. Denn sie verfügt über den derzeit umfangreichsten Datenbestand zu den oberbayerischen Almen. Für eine erfolgreiche Recherche sind allerdings einige Punkte zu beachten.

Almwirtschaft im Wandel

Die verfallene Niederhoferalm an der Maroldschneid im Rotwandgebiet.

Schon mehr als zwei Jahrtausende werden die Alpen von der Almwirtschaft geprägt. Dabei wurde eine unvergleichliche Kulturlandschaft geschaffen, die einen bedeutenden ökologischen und touristischen Wert besitzt.
Was sich seit der Antike in mehreren Wellen entwickelte, konnte mit der industrialisierten Landwirtschaft schließlich nicht mehr mithalten. In den letzten 150 Jahren ging die Zahl der Almen und der bestoßenen Flächen stark zurück. Gerade die uralten, hochgelegenen Almen wurden zuerst aufgegeben. Viele Gebäude sind inzwischen verfallen. Oft zeugen nur noch Grundmauern oder Lägerfluren von ihrer Existenz.

Mit den aufgelassenen Almen geht wertvolles kulturhistorisches Wissen verloren. Dieses muss rechtzeitig bei der lokalen Bevölkerung abgerufen und schriftlich festgehalten werden. Denn wenn eine Alm nicht mehr genutzt wird, schläft die mündliche Tradierung schnell ein.
Die unermüdliche jahrelange Recherche­arbeit von Gerhard Oelkers zur Erfassung der oberbayerischen Almen ist daher von unschätzbarem Wert. Er suchte die meisten Alm persönlich auf und befragte viele Besitzer.

Seine Ergebnisse dokumentierte Oelkers in mehreren Büchern. Darüber hinaus stellte er die Daten der Initiative AgrarKulturerbe zur Verfügung. Diese Informationen gelten als der umfangreichste(r) Datenbestand dieser Art in Deutschland. Über 1500 Almen sind darin enthalten. Negativ fällt aber auf, dass bei der Initiative AgrarKulturerbe keinerlei Fotos, Dokumente oder weiterführenden Links zu den oberbayerischen Almen angeboten werden. Auch Literaturhinweise sind kaum vorhanden.

Das von Gerhard Oelkers zusammen­getragene Wissen ist übrigens keineswegs nur für die Geschichte der Almwirtschaft relevant. Auch Flurnamen­forscher, Alpinautoren oder Botaniker finden darin nützliche Informationen, wie wir im Folgenden sehen werden.

Eine Almhütte macht noch keine Alm

Bildstock von 1829 auf der Luitpolderalm.

Landläufig wird eine Alm mit der Almhütte, also dem Kaser, gleichgesetzt. Eine Alm bezeichnet aber in erster Linie eine Bergweide. Auf dieser muss nicht zwangsläufig eine Hütte stehen. Manche Alm wird weiterhin beweidet, obwohl die Hütte schon lange abgegangen ist. Auf anderen wiederum gibt es sogar mehrere Kaser. Dazu kommen oft noch Ställe, Hirtenhütten, Jagdhütten und mitunter auch eine Kapelle.
Die Beschreibung der Bauten nimmt auf den Seiten von AgrarKulturerbe viel Raum ein und ist oft sehr detailliert. Handelt es sich um mehrere Gebäude, lassen sich diese anhand der Angaben vor Ort leicht identifizieren. So weit bekannt, wird auch die heutige Nutzung genannt. Nicht wenige ehemalige Kaser dienen inzwischen der Forstwirtschaft als Diensthütten oder werden privat genutzt.

Oelker lenkt die Aufmerksamkeit gerne auf die kleinen Besonderheiten, die das ungeübte Auge leicht übersieht, wie beispielsweise Einkerbungen und Inschriften an den Hütten. Außerdem erwähnt er Almanger, Grenzmauern, Brunnen, Bildstöcke, aufgelassene Stollen, Wüstungen und vieles mehr.

Geschichten und Anekdoten

Zur Schlagalm gibt es eine lustige Anekdote: Leichtgläubigen Touristen wurde dort weisgemacht, sie würden für das Schindertor einen Schlüssel benötigen.

Die Informationen zur Geschichte der oberbayerischen Almen sind vom Umfang her recht inhomogen. Zu machen Almen existieren zahlreiche Details, während über andere praktisch nichts bekannt ist, manchmal nicht einmal ihre genau Lage.In alten Dokumenten fanden Almen meist nur bei Besitzwechsel, Rechts­streitigkeiten oder Grenz­beschreibungen Erwähnung.Erst seit dem 19. Jahrhundert nehmen die schriftlichen Aufzeichnungen über die Almen deutlich zu. Hinzu kommen die mündlichen Tradierungen durch die lokale Bevölkerung. Letztlich beruht es aber vor allem auf Zufällen und Glück, wenn belastbare historische Überlieferungen verfügbar sind. Früher dachte ja niemand daran, dass dieses Wissen einmal von Interesse sein würde.

Gerade für Alpinautoren können viele der Geschichten und Anekdoten aus jüngerer Zeit eine ergiebige Fundgrube darstellen. Dazu ein paar Beispiele:
Grausames wird etwa von der Bernaueralm am Risserkogel berichtet. Ein Bauernbursche ermordete dort 1830 eine Sennerin, die von ihm schwanger war. Zur Vertuschung der Tat zündete er die Almhütte an.
Ein anderes Drama ereignete sich auf der Wenigbergalm, wo 1930 ein Tiroler Wilderer erschossen wurde. Nicht der einzige in den Bayerischen Alpen.
Manchmal besuchten auch noble Gäste die bayerischen Almen. Zur Königsalm in den Tegernseer Bergen soll die russische Zarin Alexandra 1838 mit einer Sänfte hinaufgetragen worden sein.

Alte Steige wiederentdecken

Wanderer, die auf der Suche nach vergessenen Pfaden sind, sollten sich die Zustiege und Verbindungs­steige der Almen näher ansehen. Dabei stößt man immer wieder auf interessante Wege, die auf keiner Landkarte mehr verzeichnet sind oder denen man ansonsten keine Beachtung schenken würde. Zur Reitbergalm klingt das dann zum Beispiel so:

Ab Stuben-Alm zunächst Fahrweg. Ab Moselgraben von diesem abzweigend ein versteckter Jagdsteig. Beginn ohne genaue Karte kaum auszumachen. + Pfadspuren auf den Grat und zum historischen Grenzstein (ehem. Jagdhütte).

Das macht Lust auf spannende Entdeckungs­touren abseits ausgetrampelter Pfade. Wie wäre es etwa mit der Rißalm am Risserkogel in den Tegernseer Bergen? Misserfolge bleiben bei solchen Unternehmungen aber natürlich nicht ganz aus. Der Wilderersteig zur Neuhüttenalm am Seeberg jedenfalls behielt sein Geheimnis bisher für sich.

Flora, Fauna und Geologie

Auf einer Almweide können leicht mehrere Dutzend Pflanzenarten vorkommen. Oelkers listet jeweils die wichtigsten Gräser, Kräuter und Gehölze mit ihren deutschen Namen auf. Man kann also gezielt nach bestimmten Pflanzen suchen und bekommt dann Almen geliefert, auf denen diese wachsen.
Weniger ergiebig sind die Angaben zur Fauna, da nur die üblichen Säugetiere, wie Gämsen, Murmeltiere, Rehe usw. genannt werden.

Für geologisch Interessierte gibt es ebenfalls hilfreiche Daten. Denn fast immer werden die wichtigsten Gesteinsarten aufgezählt, über die sich die Almweiden erstrecken. Oftmals sind das die Raibler Schichten, der Hauptdolomit, der Plattenkalk, die Kössener Schichten und der Flysch. Auch weniger bekannte Gesteine, wie die Aptychenschichten, bleiben nicht unerwähnt. Die geologischen Informationen scheinen sehr verlässlich zu sein. Angesichts der komplexen geologischen Verhältnisse in den Bayerischen Alpen schadet es trotzdem nicht, noch eine zweite Quelle zu konsultieren.

Bedeutung von Alm- und Bergnamen

Bei der Firstalm wird der Almname aus der dachstuhl­ähnlichen Form der Bodenschneid im Hintergrund erklärt.
Eher nebenbei werden bei den einzelnen Almbeschreibungen auch Flurnamen erklärt. In der Regel geht es dabei um die Alm selbst oder um einen markanten Berg in der unmittelbaren Umgebung. Bei der Recherche zur Herkunft und Bedeutung von alpinen Flurnamen lohnt es sich deshalb, die Almdatenbank sowie das Glossar der Initiative AgrarKulturerbe zu konsultieren.
Flurnamen spielen aber wirklich nur eine Nebenrolle. Bei den meisten Almen gibt es keine Informationen dazu und wenn doch, dann sehr knapp. Man sollte diese daher lediglich als ersten Hinweis für eine tiefergehende Recherche betrachten. Zur Verifikation müssen auf jeden Fall weitere Quellen herangezogen werden.

Tipps für die Recherche

Die Almdatenbank von AgrarKulturerbe verfügt über eine Volltextsuche, welche für einfache Abfragen gut funktioniert. Die Links zu den Treffern führen immer auf die Übersichtsseite einer Alm. Steht der gesuchte Begriff dort nicht, ist der Link zur relevanten Unterseite markiert.
Ein Problem bei der Suche nach Almnamen stellt die uneinheitliche Schreibweise dar, von den Varianten bei den Bestimmungs­wörtern einmal ganz abgesehen. Neben Getrennt- und Zusammenschreibung werden auch Bindestriche verwendet, also beispielsweise Nessel-Alm, Grundalm und Auer Alm. Manchmal wird selbst ein und dieselbe Alm nicht im gesamten Datenbestand gleich geschrieben. In aktuellen Kartenwerken dominiert bei Almnamen fast ausnahmslos die Schreibweise in einem Wort ohne Bindestrich. Oelkers orientierte sich daran jedoch nicht.
Schwierigkeiten bereitet bei der Recherche außerdem, dass neben Alm auch die Grundwörter Alp, Alpe und Alpl vorkommen. Das alemannische Alp ist in Oberbayern aber eigentlich ungebräuchlich. Falls man weiß, zu welchem Talort eine Alm gehört, geht man deshalb am besten über die Ortsliste.

Bei komplexeren Abfragen gelangt man mit der Volltextsuche auf AgrarKulturerbe schnell an Grenzen. Da hilft nur die Verwendung einer Suchmaschine. Dazu schränkt man die Abfrage durch Angabe einer URL auf die gewünschte Seite ein. Mit „site:agrarkulturerbe.de Herkunft Flurname“ etwa lässt sich gezielt nach der Herkunft von Flurnamen suchen. Die Suchfunktion von AgrarKulturerbe liefert dazu keine Ergebnisse.

Mithilfe erwünscht

Die Initiative AgrarKulturerbe bittet alle Interessierten, eigenes Wissen beizusteuern und Veränderungen oder Fehler mitzuteilen. Nach meiner Erfahrung wird dies umgehend in die Datenbank eingepflegt. Bleibt nur zu hoffen, dass das Projekt weiterhin betreut und ergänzt wird. Eine großartige ehrenamtliche Leistung! Respekt und vielen Dank an die Beteiligten.

Ähnliche Projekte

Der Datenbestand von Gerhard Oelkers ist für Oberbayern zweifellos der ergiebigste. Doch es existieren noch weitere Projekte mit einer ähnlichen Zielsetzung.
Im Rahmen des von der EU geförderten Programms Interreg Österreich – Bayern wurden viele aktuelle Daten zu den Almen im Grenzraum zwischen Bayern und Salzburg erhoben. Der Abschlussbericht befasst sich vor allem mit der Flora und den verschiedenen Pflanzengesellschaften auf den Weideflächen sowie der heutigen Nutzung der Almen. Auch Erosionsprobleme durch Überweidung spielen eine Rolle.
2018 ging die modern gestaltete Almen-Datenbank online. Sie wird vom Heimat- und Geschichtsverein Achental betreut. In das Projekt flossen viele Daten der Initiative AgrarKulturerbe und dem oben genannten Interreg-Projekt mit ein. Die zu Beginn nur auf das Achental, Bergen und Reit im Winkl beschränkte Almen-Datenbank wird geografisch laufend erweitert und soll sich zukünftig auch über den Chiemgau hinaus ausdehnen. Zu den Almen gibt es umfangreiche Information, außerdem Fotos, Karten und Dokumente. Sehr gelungen ist auch die Einführung in die Almwirtschaft. Gut möglich, dass die Chiemgauer Almen-Datenbank einmal die inzwischen schon etwas angestaubte Seite von AgrarKulturerbe ersetzt. Noch enthält sie dafür aber viel zu wenige Almen und ist regional zu begrenzt.